Montag, 13. März 2017

Von den Lebenden und den Toten

Beerdigungen. Sind nicht schön. Und man sollte auch nicht hungrig auf eine Beerdigung gehen.

Die Urgroßmutter der Großen, der Dicken und der Kleinen verstarb während ich auf meiner Streunertour war. Der Tod kommt, selbst wenn erwartet, immer plötzlich. Er kam im Schlaf. Nicht nach Krankheit. Kein Leiden. Er kam irgendwann nach dem Abendessen und vor den Spätnachrichten. Mit 93 Jahren. Heimlich um die Ecke. Nahm sie einfach mit.

Mit drei Kindern geht alles etwas langsamer. Aber es geht. Bus beladen. Bus entladen. Die Kinder rein in den Maxi Cosi. Die Kinder raus in den Maxi Cosi. Und dennoch erreicht man die Kapelle zu spät. Der Trauergottesdienst hat begonnen. Ich betrete den Raum als letzter. Durch den Gang schiebe ich den Drillingswagen  in die erste Reihe. Der Kinderwagen hat eine Klingel. Die brauch man bei der Größe. Nur nicht an die Klingel kommen. Der Gedanke springt kurz den den Kopf. Das junge Leben bahn sich seinen Weg. Die Trauergemeinschaft blickt auf. Ihre Blicke bleiben an dem riesigen Kinderwagen haften.

Der Pastor hält eine Ansprache. Er erzählt vom Leben der Verstorbenen. Umreißt einige Stationen des Weges. Und immer wieder bringt er diese imaginäre Person ins Spiel. Dieser stehe am Anfang und Ende allen Seins.

Ich habe keinen Glauben. Ich höre ihm zu. Und ich komme zu dem Schluss, dass ich nicht will, dass jemand, erfahren aus zweiter Hand,  auf meiner Beerdigung über mich erzählt. Meinen Abschied schreibe ich selber. Meinen letzten Post. Böse. Zynisch. Sarkastisch. Pointiert am Ende. Eine von mir erwählte Person wird ihn dann vorlesen.

Es wird das Lieblingslied der Verstorbenen gespielt. Sie hat es gemocht. Die Große zetert vor sich hin und tritt von unten gegen die Abdeckung ihrer Baby-Wanne. Die drauf liegenden Grabblumen für später hüpfen hin und her. Großartige Situationskomik. Wenn sie mich beerdigen, möchte ich keine Trauerlieder. Mein Abgang soll eine Feier sein. Und wenn ich zu meiner letzten Stätte gebracht werde, soll "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" von Gutsav Gründgens gespielt werden. Jubelnd. Mit Leidenschaft. Auf das Ende zu. Mit offenen Augen.



Der Sarg wird zu seiner letzten Stätte gebracht. Direkt hinter dem Sarg, der Drillingswagen. Dahinter die Trauergemeinde. Vor dem Grab versperre ich mit dem Wagen den Weg. Niemand traut sich um mich herum zu gehen. Niemand geht an mir vorbei. Ich rücke noch ein Stück vor. Mache Platz. Wir schaffen es einen Halbkreis zu bilden. Eine Heldentat. Der Pastor spricht noch ein paar Worte. Der Sarg wird in die Erde abgelassen. Es fängt an zu regnen. Die Uroma mochte Regen. Dann müsste sie nicht raus und spazieren gehen, sagte sie immer.

Dann geht es schnell. Die Sargträger verabschieden sich und gehen schnellen Schrittes durch den Regen. Der Pastor ebenfalls. Alle bleiben zurück. Ein Sarg. Ein paar Blumen. Wir, die Lebenden. Ich mit Hunger.

Eine halbe Stunde später sitzen alle bei Kaffee und Kuchen herum. Die Drillinge sind die Stars. Jeder will gucken. Am Liebsten anfassen. Letzteres nervt mich. Die Kinder machen sich gut. Sie sind aufgeweckt, aber machen keinen Krach. Neben mir sitzt die Dame von Bestattungsinstitut. Sie quatscht mich voll. Was ich nicht verstehe ist, was der Dienstleister auf der Trauerfeier der Angehörigen zu tun hat? Egal. Was ich denn so beruflich machen würde? Nein, mit meiner Jobbezeichnung kann sie nichts anfangen. Aber ich ob ich nicht meinte, für die Mitarbeiter einen Motivationscoach brauchen zu können? Nein, brauche ich nicht. Motivation? Wenn die Leute bei uns auf der operativen Ebene ihren Job nicht machen, werden sie entfernt. Oh, ja. Damit hat sie Schwierigkeiten. Man trinkt Kaffee. Die ersten Streitigkeiten über die Organisation der Trauerfeier beginnen. Nebenbei wechselt die Küche der Verstorbenen den Besitzer. Preis, Adresse und weitere Einzelheiten werden per Whatsapp ausgetauscht.

Ich beschließe, meine Beerdigung soll an einem Freitag stattfinden. Am Cuba Libre Tag. Es soll Rum, frische Limetten und kaltes Cola gereicht werden. Ich würde mich freuen, wenn ein paar meiner besten Posts vorgelesen werden würden. Ein Herr MiM Gedächnis-BBQ würde ich als angemessen finden. Den Gedanken meine Ex-Frau, Lebensgefährtinnen, ehemaligen offiziellen und inoffiziellen Freundinnen, Liebschaften, Bratkartoffelverhältnisse und Affären einzuladen, verwerfe ich. Ich kann Geschrei nicht ausstehen. Aber lustig wäre es schon.

Die Kinder erweisen sich als perfekte Ausrede die Veranstaltung zu verlassen. Es geht nach Hause. Beim Ausladen sehe ich die Nachbarn. Wir winken uns zu.

- "Können wir später noch mal kurz rüber kommen?", ruft er.

- "Klar. Ich bestelle Pizza heute. Wollt ihr auch? Halb acht. Pizza. Kommt rüber", brülle ich zurück.

Irgendwann. Halb zehn am Abend.

Das Wohnzimmer sieht wüst aus. Überall Babykram. Auf dem Boden Hundespielzeug. Leergegessene Pizza-Kartons durcheinander gewürfelt auf dem Esstisch. Mein Nachbar und ich trinken gerade die zweite Flasche Chianti Classico leer. Die Frauen füttern die Kindern. Das kleine große Fräulein tappst durch die Gegend, schaut nach den Kindern, holt sich hier und da Aufmerksamkeiten ab.

Für einen Bruchteil einer Sekunde fühlt es sich an wie das, was Menschen, Familie nennen. 

Das Leben gehört den Lebenden. Ihnen gehört die Zukunft.

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Dem schließe ich mich an. Schön geschrieben und gar nicht traurig, obwohl doch ein Mnsch gestorben ist.

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    2. Danke, Herr AGCC.

      Nach einem wirklich langen, erfülltem und aufregenden Leben, gibt keinen Anlass für Traurigkeit, Frau Tiker. Meine Meinung.

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  2. Stories,die das Leben schreibt! Echt und real. Da kann ich mich nur anschließen und sagen: Schön geschrieben.

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  3. Toll geschrieben - und Ihren letzten Satz sollte ich mir ausdrucken und aufhängen.

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    1. Er ist im Grunde die Essenz, Frau Serenpidity.

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  4. Ein sehr schöner Blogpost!

    Aber immer wieder sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass Beerdigungen nicht für die Toten sind - sie sind für die Lebenden. Die Lebenden sollen Abschied nehmen, belanglose Dinge erzählen. Dem Toten interessiert es doch nicht mehr, kann er doch sowieso nicht mehr einschreiten und sich sträuben.

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    1. Frau Jezabelbatonica, Meschen brauchen Ihre Rituale... haben Sie immer gebraucht.

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  5. Das Lieblingslied meiner Mutter. Herr Gründgens war in der nahen Stadt am Theater, als sie jung war. Leider wollte mein Vater anl. ihrer Beerdigung nicht, dass das Lied gespielt wurde. Sein Leben bestimmte die Eifersucht auf Alles und Jeden. Aber das ist eine andere Geschichte. Ihre hier war mal wieder Spitze. Frau Noir läßt Grüße hier.

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  6. Hallo Herr Mim, das ist..Leben..alles andere ist doch nur ..Zerstreuung.Schöne Grüße an das Leben von Frau A.

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    1. Ja, das ist das Leben, Frau... das ist es.

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  7. Ein wirklich wirklich schöner Text. Greifbar, nachvollziehbar und beim Cubra Libre Freitag muss ich doch lächeln. Ich denke das und kommuniziere das auch des Öfteren. Wenn ich mal plötzlich versterben sollte, möchte ich das eine große Party gefeiert wird. Mit all den lustigen gemeinsamen Erinnerungen die man so hatte. Mit viel Alkohol und bunter Kleidung. Keiner Orgel, aber gern Butterkuchen....

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    1. Vielen Dank... Viel Alkohol... das gefällt mir. Ein Feier nach meinem Geschmack.

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