Mittwoch, 28. Dezember 2016

Vater & Sohn

Manchmal trügt der Schein.

- "Und eh man sich versieht, werden sie groß werden und dann werden sie eingeschult. Das dürfte dann das nächste große Ziel werden", sagte ich. Mehr aus Spaß. Die Kinder sind ja noch nicht einmal zu Hause.

Mein Vater rang mit den Tränen. Jedes Mal wenn ich von der Zukunft spreche, beginnt er zu weinen. Schluchzt. Ringt um Fassung.

- "Wenn ich das noch erlebe", sagte er. "Man weiß es ja nicht."

- "Was soll das? Du bist gesund! Du bist 72. Da sind locker noch 20 Jahre drin", gab ich zurück.

Die Tränen liefen ihm über die Wange und er zuckte mit den Schultern.

Mir war aufgefallen, seit der Geburt seiner Enkelkinder, sprach man von der Zukunft, kamen ihm immer die Tränen.

Ich hakte nach. Was denn sei? War der Krebs zurückgekommen? Nein, war er nicht. Körperlich sagen die Ärzte, wäre er topfit. Ja, was denn dann? Dann brach es aus ihm heraus.

Seine Frau, meine Mutter, sie würde ihm so fehlen. Er fühle sich nur noch wie ein halber Mensch. Tagsüber, wenn er unterwegs sei, dann ginge es. Aber am Abend. Wenn er alleine ist. Das ist schlimm. Manchmal wacht er auf, weil er sie rufen hören würde. Dann geht er in das Zimmer, in dem das Bett stand, in dem sie lag. Aber sie ist ja nicht mehr da. Wahrscheinlich würde ich ihn nun für einen alten Spinner halten. Sie würde ihm so fehlen. Er kann sie nicht mehr in den Arm nehmen. Es wäre alles so leer. Er war auf diversen Weihnachtsmärkten. Aber es sei nicht das Selbe, wenn einfach alles alleine machen würde. Sie waren 52 Jahre zusammen. Und jetzt ist sie weg. Nicht mehr da. Er wolle nicht mehr. Er wünschte, es wäre alles vorbei.

Da war der Moment, in dem ich hellhörig wurde.

Ich wies auf seine Musik hin, die ihm so viel Spaß machen würde. Er habe einen riesigen Freundes und Bekanntenkreis, der sich um ihn kümmern würde. Er weiß, dass sie ihn alle auffangen. Ohne die, wäre er schon vor die Hunde gegangen. Die Mädels, mit denen er die ganze Zeit herum whatsappen würde. Und wenn seine drei Enkeltöchter kein Grund zum Weitermachen wären, dann wüsste ich auch nicht. Und es wäre auch auch schlimm, wenn er all das nach 52 Jahren nach 3 Monaten hintersich lassen könnte. Und wenn er sich gut fühlt, wenn er zweimal am Tag am Friedhof vorbei schaut und mit ihr spricht, dann ist das auch okay.

- "Du hast zwei Eheschließungen Deines Sohnes verpasst", holte ich aus. Er sank zusammen und seufzte. "Ich denke mal, da wäre es ganz angemessen, wenigstens zur Einschulung der Enkelkinder zu erscheinen."

Ich holte das Telefon raus und hielt ihm ein Bild vom Nachmittag unter die Nase, dass ich am Nachmittag gemacht hatte. Da stand er. Mit seiner Enkeltochter auf dem Arm. Die Große. Er strahlte über das ganze Gesicht.

- "Geht nicht um Dich oder mich", sagte ich. "Es geht um sie. Wir spielen keine Rolle mehr. Es geht um die nächste Generation. Und letztlich, bestimmst Du ganz alleine, wie sie Dich in Erinnerung behalten werden. Ob sie Dich nur aus Erzählungen kennen werden oder ob Du sie noch ein Stück begleiten wirst. Liegt bei Dir."

Er quälte sich ein Ja heraus.

Da saßen wir, noch eine ganze Weile am Esstisch. Es war der zweite Weihnachtstag.

- "Haben wir jemals schon so unterhalten?", fragte er.

- "Nein", antworte ich, "Das haben wir nicht."

Und wahrscheinlich werden wir das auch nie wieder.

Kommentare:

  1. Hut ab, Herr MiM
    Ich wünsche dem Vater, dem Sohn und den Enkelkindern eine schöne gemeinsame Zukunft.

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    1. Ich danke Ihnen. Nun ja, letztlich liegt es immer an uns selbst, was man aus den Gegebenheiten macht. Ist halt nur etwas anstrengend.

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  2. Herr Mim, ich ziehe den Hut, willkommen im Club der ehrlichen, richtigen und mutigen Gespräche.
    Nein, ich brauche hierauf keinen Kommentar von Ihnen!
    Es gibt wenige Menschen, die sich das trauen.
    Herzlichst, Fr Eva (3. Café im Bett )

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    1. Das mit dem 3. Café im Bett nehme ich persönlich, Frau Eva.

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  3. Hallo Herr MiM,...es liegt an dir..wie sie dich in Erinnerung behalten....das ist der Schlüssel..zum Leben..Hier haben Sie recht...und ich keine Ratschläge dazu. Der Familie wünsche ich eine tolle Zeit mit dem Opa...Kinder lieben Musik...von Frau A.

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    1. Ja, wenn die Kinder vielleicht den Opa noch einmal auf der Bühne erleben würden, dann hätte das was. Wäre alles im Rahmen des Möglichen, Frau A.

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  4. Da ist offensichtlich bei der Geburt der drei Mädels noch was geboren worden: der zynische Egomane zeigt menschliche, sympathische Züge.
    Respekt, Herr MiM, ich ziehe meinen (imaginären) Hut!

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    1. Freuen Sie sich nicht zu früh, Frau Schuemichel,... freuen Sie sich nicht zu früh.

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