Dienstag, 25. Oktober 2016

Das große Vergessen – Letzter Eintrag

- “Die haben mich gefragt, ob ich zur Trauerfeier einen Orgelspieler oder CDs gespielt haben möchte?”, erzählte mir mein Vater.

- “Ehrlich Vatern, die Sache ist schon traurig genug, da muss man nicht noch depressive Orgelmusik hören”, sagte ich. “Warum lässt Du nicht Musik spielen, die Muttern gerne gehört hat. Ich finde, das ist doch wesentlich besser. Zumindest würde ich mir das wünschen, wenn ich an meine eigene Trauerfeier denke.”

Eine gute Idee fand er. Er hat sich gekümmert.

Es gab keine Anzeige in der Zeitung. Die sollte erst nach der Trauerfeier und der Beisetzung erscheinen. Die Gäste der Trauerfeier kamen, weil sie fragten wie es ihm erging oder es von Mund zu Mund gehört hatten. Wer kam, wollte auch da sein. Am Ende waren es 40 Personen. Freunde, Bekannte, Nachbarn, Musiker.

Am Tag der Beisetzung war es kalt, diesig und die Luft feucht. Wir kamen etwas zu früh und mussten auf den Bestatter warten. Der Bestatter führte uns zu dem Wagen, in dem die Urne stand. Da standen wir und schauten ein letztes Mal auf das, was am Ende eines Lebens bleibt.

Einige Minuten später kam ein Mann vom Friedhofsamt. Feierlich gekleidet, mit einem schwarzen Umhang und einem schwarzen Hut. Der Bestatter sprach einige Worte, der Mann vom Friedhof und der Bestatter verbeugten sich in Richtung der Urne, nahmen sie auf und trugen sie zu zweit zu dem vorbereiteten Loch auf dem Rasen für die anonymen Gräber. Mein Vater und ich trotteten hinterher. Gedankenversunken. Tränen im Gesicht.

Die Urne wurde abgestellt. Es wurden noch ein paar Worte gesprochen. Dann war es Zeit zum Abschied nehmen. Das Gefäß wurde feierlich im Boden versenkt. Die Träger verbeugten sich noch einmal. Mein Vater und anschließend ich traten hervor, hielten noch ein jeder für uns sein persönliches Gespräch mit jemanden der nicht mehr war, ließen einige Tannenzweige hinein fallen und traten zurück.

Der Friedhofsmann nahm eine Schaufel und füllte die Erde in das Loch. Am Ende wurden die Blumen und Kränze darüber gezogen. Es sah hübsch aus.

Friedhofsmann und Bestatter verabschiedeten sich und gingen. Zurück blieben mein Vater und ich. Allein mit unseren Gedanken.

Wir blieben noch einige Minuten stehen. Dann gingen wir ebenfalls.

- “Ich werde noch eine Plakette anbringen lassen”, sprach er. “Dann kann ich mich im Sommer hier hinsetzen. Ein Buch lesen. Oder meinen Gedanken nachhängen und an sie denken.”

Ich nickte und rang mit den Tränen.

Als wir den Friedhof verließen, begann es zu regnen.

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EPILOG

Mit der Beisetzung meiner Mutter geht diese Geschichte zu Ende. Es ist die Geschichte von mir und meinen Eltern, die vor 4 Jahren nach 12 Jahren zum ersten Mal wieder sah. Ich habe mit vielen Menschen in den letzten Jahren gesprochen. Ausnahmslos alle erklärten mir, wenn der Tag kommen würde, es mich dann doch arg treffen würde. Auch wenn ich das im Vorfeld immer wieder abgestritten habe.

Ja, es traf mich. Aber anders als ich es gedacht hatte. Es war weniger der Verlust um einen Menschen, der nicht mehr da war. Vielmehr die Wut und Trauer um die verschwendete Zeit. All die ganzen Jahre, die ungenutzt verstrichen sind.

Ich sprach die vergangenen Tage viel mit meinen Vater. Ich ließ ihn erzählen. Ich wollte ein Bild bekommen, warum alles so gekommen ist, wie es dann kam. Aber das war sehr schwer und nicht wirklich möglich. Wir saßen bis spät in die Nacht. Tranken Bier und redeten.

Meine Mutter versuchte in der Zeit ihres Lebens etwas zu bekommen, was sie als Kind nie hatte. Sie glaubte, mit Anpassung bis zur Selbstverleugnung, sich die Liebe und Zuneigung ihrer Eltern erarbeiten. Aber sie war ein Opfer der damaligen Zeit und einer Konstellation, die ein liebendes und sorgendes Elternhaus nicht möglich machten.

Nur, diesen Kritikpunkt möchte ich vorbringen, kann all das, was jemanden widerfährt, nicht als Entschuldigung dienen. Man mag ungünstige Startbedingungen haben. Man mag Erlebnisse und Erfahrungen machen, die einen ins Wanken und zum Stolpern bringen. Vielleicht fällt man hin und mag nicht mehr aufstehen.

Aber die Entscheidung, wie man mit etwas umgeht, welche Lehren man daraus zieht und ob man diese auch nutzt, die trifft man selbst.

Es gibt Menschen, die sind eine Bereicherung im Leben. Weil sie inspirieren, weil ihre Nähe einem gut tut. Mit diesen Menschen sollte man sich umgeben. Und dann gibt es die, die einen ausbremsen, die Zeiträuber. Die Menschen, die ihre eigene Frustration auf andere transferieren. Solche Menschen sollte man meiden, zurücklassen, entfernen aus dem Leben.

Korrigieren Sie Ihre Erwartungshaltung. Niemand kann einen glücklich machen. Das kann man immer nur selbst.

Die Zeit die ich mit meiner Mutter hatte, war zu kurz. Zu kurz um einander kennen und verstehen zu lernen. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Um das zu können, hätte sie akzeptieren müssen, dass ich anders bin und nicht so, wie man mich gerne haben wollte.

Aber das ist okay. Ich kann es akzeptieren. Heute. Und das reicht für uns beide.

Hier endet die Geschichte vom großen Vergessen.

In liebevoller Erinnerung  *01.09.1947 +21.09.2016

Kommentare:

  1. Schöne Worte... und was bleibt sind Erinnerungen!

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  2. Danke für's Teilhaben.
    Am Ende sind wir oft weiser. Ich drücke Sie.
    Herzlichst Champagnerlady

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  3. Diese Worte gehen ins Mark, ins Herz, ins Hirn, in den Bauch.
    Vielen Dank dafür, Her MiM.

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  4. Mir fehlen die Worte.Ihr Vater und Sie haben haben das richtige getan.Alles Gute für Sie beide und Danke für diesen Blog....von Frau A.

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  5. Ich stimme dem zu von A bis Z Herr MiM. Danke für diesen Text. Hier kommen gerade Erinnerungen hoch. RiP *27.08.1940 +21.06.2003

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  6. Es trifft weil es Eltern sind, egal was zuvor passiert ist und egal wie sehr man sich verletzt hat. Danke Herr MiM fürs erinnern.
    RIP *16.01.1946 +26.07.2006

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  7. Danke für's Teilhaben lassen.
    Tja, und was bleibt....sind Erinnerungen....
    Und je älter man wird, desto mehr Erinnerungen...
    Mir hat mal mein Arzt gesagt : "tun sie nur noch was ihnen gut tut". Ich habe mich soweit es ging daran gehalten und es tut mir gut.
    Ich drücke Sie.

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  8. Herr mim, ein sehr tieger,schöner Gedanke.Ein tiefes (Er-) leben... Sissi

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    1. Ihre Geschichte ähnelt der meinen.
      Auch meine Mutter starb im vergangenen Jahr. Ich hatte sie 20 jahre nicht gesehen und gesprochen. Sie war die letzten Lebensjahre dement.

      Was versäumt ist, lässt sich nicht mehr aufholen. Aber es lässt sich erinnern was war.

      Ein trauriger, schöner Text.

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