Freitag, 16. September 2016

Das große Vergessen

Es geht ihm gut. Er hat sich arrangiert. Er steht auf, füttert sie, wäscht und pflegt sie. Betreut sie durch den Tag. Sitzt neben ihr. Liest Zeitung oder schaut fern.

Mittlerweile schläft sie immer mehr. Sie liegt da und schläft. Sie isst immer weniger. Nur noch Kleinigkeiten. Früchte, Weintrauben … eine kleine Scheibe Brot, wenn es in sehr kleine Stückchen zurecht geschnitten ist.

- „Sie vergisst das Essen. Sie vergisst, dass sie Hunger hat“, erzählt er.

- „Ja“, antworte ich. „Du weißt worauf das hinaus läuft?“, frage ich ihn.

„Ja. Künstliche Ernährung.“ Er macht eine Pause. „Aber das werden wir nicht machen. Punkt.“

Seine Stimme klingt in dieser Situation sehr klar. Er wirkt davon überzeugt. Er berichtet, dass er das in seinem Umfeld erlebt hat, was dann geschieht. Das sei unmenschlich. Das will er nicht. Unter keinen Umständen. Sie haben das in der Patientenverfügung auch so festgehalten. Ja, die kenne ich. Ich habe eine Kopie zu Hause. Mir lief es damals kalt den Rücken herunter, als ich las, wie meine Eltern in einer notariell beglaubigten Urkunde Anweisungen hinterließen, wie sie gegebenenfalls sterben wollen.

Also warten wir weiter. Wie lange kann keiner sagen. Aber ich denke es wird nicht mehr sehr lange dauern. Vielleicht noch ein paar Monate. Aber ein Jahr? Ich glaube es nicht mehr. Es ist unglaublich, wie schnell sie abgebaut hat in den letzten Monaten. So unglaublich schnell. Letztes Weihnachten saßen wir noch alle zusammen. Und jetzt... der tägliche Dämmerzustand. 

Vielleicht sehe ich sie noch einmal bevor sie stirbt? 

Kommentare:

  1. Ich habe mich sehr bewusst bisher mit Kommentaren zu diesem Themenkomplex zurueck gehalten. Aber ich denke einen muss ich geben;

    "Vielleicht sehe ich sie noch einmal bevor sie stirbt?".
    Entscheiden Sie fuer sich Heute noch ob Sie das wollen. Wenn ja, dann nehmen Sie sich sofort die drei Tage. Wenn nein, dann haben sie eine Entscheidung bewusst getroffen. Das ist wichtig in diesen Dingen.

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    1. Ja, dass Sie das so sagen, Herr Nugger, kann ich verstehen. Das wäre auch meine Ansage.... wenn, ich nicht Prämissen hätte, die mir gerade einen Takt vorgeben, den ich selbst nicht beeinflussen kann. Aber ansonsten, bin ich ganz bei Ihnen.

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    2. Ich schaetze Sie so ein, dass Ihre Praemissen konsistent, reell und gewichtig genug sind um hier nicht weiter zu argumentieren.
      Ich wuensche Ihnen einen harmonischen Takt.

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    3. Leider, Herr Nugger, ist der Takt alles andere als harmonisch. Aber nun gut, da werde ich durch müssen.

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  2. "Sohn, setz dich ins Auto und besuche deine Mutter, solange noch die Möglichkeit besteht." Das hat mein Vater zu mir gesagt, als es mit ihr durch ihr Krebsleiden bergab ging.
    Der Alte hat Recht behalten. Es war zwar mehr als hart, aber ich möchte keine Sekunde missen - Prämisen hin oder her.
    Ein Kumpel formulierte es etwas drastischer: "Beweg deinen Arsch, du wirst keine neue Mutter bekommen." Im Nachhinein bin ich beiden für ihre klaren Ansagen dankbar.
    Denken Sie mal darüber nach und fahren Sie zu ihr.

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    1. Herr Borusse, ich habe mir die Umstände in denen ich gerade verweile so nicht ausgesucht. Ich kann Ihnen versichern, dass es keine Probleme sind, die man mit Geld lösen könnte. Ich habe eine Wahl zu treffen... und glauben Sie, dass ist eine Friss oder Stirb Variante.

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  3. Mein Vater ist vor 6 Jahren gestorben. Ich bin bis heute froh, dass ich die letzten 2 Wochen an seinem Bett sitzen konnte.
    Ihre Mutter ist nicht allein. Das ist das Wichtigste.
    Sabine

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    1. Frau Sabine, ja... vielleicht ist so etwas gut, aber so weit bin ich, Gott sei Dank, noch nicht.

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  4. Hallo Herr MiM, ....sie sehen sie ...und ihren Vater tut das auch gut. Er macht das gut. Auch von mir hier große Hochachtung..das ist nicht selbstverständlich was hier passiert. Ich lese hier schon solange...als ob ich sie alle hier persönlich kenne. Das hätte ich mir vor Beginn der ..InternetZeit. .nicht vorstellen können. Nachdenkliche Grüße von Frau A

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    1. Ja, Frau A... er macht das wirklich gut. Ich bin auch sehr beeindruckt davon.

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  5. Tja,
    da haben Sie zumindest nicht die Entscheidung zu treffen, ob künstliche Ernährung erfolgen soll.

    Dass Sie die Chance zu einem Besuch nutzen sollten, wissen Sie.

    Haben Sie denn eine Patientenverfügung für sich selbst erstellt?

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    1. Wo bei, Herr Ednong, die Entscheidung hätte ich ohne weiteres treffen können. Damit würde ich mich weniger schwer tun.

      Patientenverfügung... ich muss zugeben, dass ich dieses wirklich wichtige Thema bisher immer vor mich her geschoben habe. Sie erwischen da eine offene Flanke bei mir.

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    2. Patientenverfügung ist in der heutigen Zeit das wichtigste. Man wird sonst an alles angeschlossen was greifbar ist. Mein Vater hatte keine. Und ist elendiglich verreckt. Mit dreimal täglich Schleim aus der Lunge saugen. Ohne Sinn. Ein grauenhaft quälendes Verfahren. Ich konnte den Arzt in einem sehr ernsten Gespräch davon zu überzeugen das es wenn es auch nichts schriftliches gab er das so nicht wollte. Am selben Tag habe ich eine sehr detaillierte Patientenverfügung UND Vorsorgevollmacht (bald noch wichtiger)für mich erstellt. Sie ist keine Garantie das die Ärzte sich dran halten. Es muss Ihnen auch jemand das Ding geben (evtl. kann man das selbst nicht mehr). Das war vor 15 Jahren, da war ich dreissig. Nüchtern betrachtet ist es auch nur die Erstellung eines sauberen Konzepts mit Zielvorgabe.

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    3. Wie gesagt, ich weiß wo ich ein Defizit habe. Aber ich kann nicht alles auf einmal erledigen, Frau Kira.

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  6. "Do what you can,
    with what you have,
    where you are."

    Sende Ihnen hiermit viele Grüße, Herr MiM.
    -Frau He.

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