Montag, 26. September 2016

Das große Vergessen - Nachruf

Ich habe mich oft gefragt, wie es sein würde, wenn meine Mutter sterben würde. Wie es sich anfühlen würde. Wie ich mich fühlen würde. Aufgrund der Distanz fühlt es sich weniger an, als wäre jemand aus meinem Leben gerissen worden, sondern mehr wie, als hätte man an einer Stelle den Faden verloren.

Wie haben in diesem Leben nicht viel Zeit miteinander verbracht. Sie hat mich geliebt. Ihr einziges Kind. Das weiß ich, aber wir haben nie zu einander gefunden. Es war kein böser Willen, sondern einfach die grundsätzlich unterschiedlichen Ansichten auf die Dinge. Es passte nicht. Und es war nicht übereinander zu bekommen.

Wir sahen uns zwölf Jahre nicht. Es war Anfang 2000 als ich die Familie verließ. Ich habe in der Zeit zweimal geheiratet. Sie war bei keiner dieser Hochzeiten dabei. Als wir Anfang 2012 wiedersahen, war sie bereits sehr krank. Ich hatte sie damals beinahe nicht erkannt. Es reichte nicht mehr um unsere Probleme und Differenzen aufzuarbeiten. Ich zog für mich einen Schlussstrich unter diese Angelegenheit. Wir sahen uns in den letzten 4 Jahren vielleicht noch zehn Male. Mehr nicht.

Als ich Mitte zwanzig war, stellte ich meinem Vater eine Frage. Es interessierte mich. 

- "Wo hast Du sie kennengelernt?", hatte ich ihn gefragt.

- "Ich kam vollkommen betrunken aus einer Kneipe. Mit Ulli." Ulli war der Freund und der spätere Mann seiner Schwester. "Ich war also vollkommen betrunken und am nächsten Tag wusste ich nur noch, dass sie blond war und dass ich sie heiraten wollte."

Großartig. Zumindest wusste ich danach, woher ich so einiges hatte. Manchmal klärt sich die Frage nach der Herkunft der eigenen Handlungsweisen von einer auf die andere Sekunde.

Die Ehe hatte ihre Höhen und Tiefen. Wie jede Ehe. Aber er liebte sie. Ein beneidenswerter Charakterzug, wenn man diesen Begriff dermaßen mit Taten füllen kann. 

Als er irgendwann entdeckte, dass man Digitalbilder ausdrucken konnte, tapezierte er das Haus damit. In kindlicher Manier hing am Kühlschrank eine Urkunde "Für die beste Ehefrau der Welt". 

Sie war eine Art Leitplanke in seinem Leben. Gab ihm Struktur. Sie war ihm eine gute Frau. Beide verband etwas, dass ich nie verstanden habe. Aber das war ihr Geheimnis. Und das soll es auch bleiben. 

Mein Vater kümmerte sich bis zuletzt um sie. Zu Hause. Er erzählte mir in den letzten Tagen, wie er Tag für Tag neben ihr am Bett gesessen hatte, sie streichelt, sie pflegte, mit ihr Sprach. Wie oft er weinte. Er sagte immer, sie hätte sich so oft um ihn gekümmert, nun wolle er etwas zurück geben.

Sie kannten sich 52 Jahre. 48 Jahre davon waren sie verheiratet.

Am vergangenen Mittwoch, am 21.09.2016 schlief die Frau meines Vaters und meine Mutter, nach einer langen unbarmherzigen Krankheit im Alter von 69 Jahren, friedlich ein.

PS. Mom, das Beste verpasst Du gerade wieder.

Kommentare:

  1. Ich finde es sehr berührend, wie Sie die innige Beziehung der beiden und seine Fürsorge in der letzten, schweren Zeit schildern.

    AntwortenLöschen
  2. Sie haben also Eltern, die sich bis zum Schluss geliebt haben. Beneidenswert. Und ein gutes Role Model dazu.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, augenscheinlich war es auch so und die Art und Weise, wie sie die letzten Jahre miteinander umgegangen sind, wenn ich sie sah, dürften diese Behauptung untermauern, Frau Annika.

      Löschen
  3. Uff. Dieser Nachruf geht mir unter die Haut.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie ihren Frieden machen können und trinke einen Cuba Libre auf Sie. Mein Beileid.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das werde ich Frau Eiskalt, das werde ich. Meinen Frieden habe ich gemacht. Mit der Erkenntnis, dass man nicht alles klären kann, was man sich wünscht zu klären.

      Löschen
  4. Zum ersten Mal melde ich mich als gelegentliche, stille Mitleserin zu Wort. Mein herzliches Beileid. Kann so vieles nachvollziehen: dass es einfach nie gepasst hat, dass man vieles nicht klären konnte und/oder wollte. Es ist, wie es ist - man kann nun mal nichts verzwingen und alles hat seinen Grund, auch (bzw. vor allem) ein distanziertes Verhältnis. Gut zu lesen, dass Sie Ihren Frieden damit gemacht haben. Für die nächste Zeit Ihnen und Ihrem Vater viel Kraft, Raum und Ruhe zum Verarbeiten. Es ist schön zu wissen, dass Sie Beistand mit 4 Pfoten haben - einen besseren gibt es meiner bescheidenen Meinung nach nicht.

    AntwortenLöschen

KOMMENTAR-ABGABE-GEBRAUCHSANWEISUNG DIE VORHER ZU LESEN IST

Verehrter Leser, verehrte Leserin,

plumpes Duzen ist in diesem Blog verpönt. Duzen dürfen Sie mich, wenn Sie mit mir bereits einmal betrunken die Kellertreppe herunter gefallen sind. Wenn Sie mich nicht Siezen wollen, dürfen Sie mich auch mit "Eure Großartigkeit" und/oder "Oh Unglaublicher" ansprechen.

Ihre Kommentare müssen NICHT meine Meinung widerspiegeln und dürfen auch gerne kritisch sein... an der Sache, an meiner Person.

Habe ich das gesagt? Vergessen Sie es. Ich will schöne Kommentare. Sagen Sie mir wie toll ich bin, feiern Sie mich und schmieren Sie mir Honig ums Maul.

Jegliche Kommentare die mir nicht gefallen oder mich nicht als grandiose und tolle Person darstehen lassen, lösche ich sofort.

Für die restlichen Kommentare gibt es keine genauen Regeln. Ich bin da sehr willkürlich und die Veröffentlichung kann stark von meiner persönlichen Tageslaune abhängen. Und die ist meistens ziemlich mies.

Anonyme Kommentare, außer der mir bekannten üblichen Verdächtigen werden nicht veröffentlicht.

Und wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, dann schreiben Sie mir eine Email. Die Kommentarfunktion dient nicht als Kanal für konspirative Mitteilungen.

Ach, Sie finden hier keine Email? Das könnte dann daran liegen, dass ich an einem Kontakt mit Ihnen kein Interesse habe.

Auch ist die Kommentarfunktion auch nicht dazu gedacht einer Ihrer wirren Ideen und/ oder Meinungen eine Plattform zu bieten. Dafür empfehle ich das Schreiben eines eigenen Blogs und diesen in einen Webkatalog für Verschwörungstheorien einzutragen.

Weiterhin dient dieser Blog nicht dazu um persönliche Kontakte zu generieren, Freundschaften zu schließen oder Bekanntschatften mit Frauen aufzubauen. Ich mag andere Menschen nicht sonderlich und ich habe keine Zeit und Lust auf zeit- sowie energieraubende Balzrituale. Dieser Blog dient ausschließlich mir selbst zu zeigen, wie toll ich bin und Sie sowie den Rest der Menschheit als unwürdig dastehen zu lassen.

Ich versuche hier keinen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen.

Gleichzeitig stimmen Sie mit der Abgabe Ihres Kommentars, im Fall meiner Übernahme der Weltherrschaft, der Abschaffung des Frauenwahlrechts, der Einführung eines 24 stündigen frei zugänglichen Amateurpornokanals, der öffentlichen Auspeitschung von Mit-150km-auf-der-linken-Spur-Fahrer und der Einführung des Freitags als offiziellen Cuba Libre Tags zu.