Montag, 18. Juli 2016

Das große Vergessen

Wir sind auf der Zielgeraden. Das Sterben beginnt. Erst der Geist und das Bewusst sein und dann der Körper.

Nach zwei Wochen Aufenthalt in dem Vollzeit Pflegeheim hat mein Vater meine Mutter nach Hause geholt. Nach Rücksprache mit der Krankenkasse hat man ihm ein Pflegebett zu Hause aufgestellt. Einen Tag später hat er mit dem Roten Kreuz den Heimtransport organisiert.

Er will sie zu Haus pflegen. Er will etwas zurückgeben. Er wird das schaffen. Sagt er.

Ich frage, ob eine ambulante Pflege kommen wird?

Nein, es wird niemand kommen. Es will das alleine machen. Es geht ja noch. Er hätte wohl mit jemanden gesprochen. Niemand sei gekommen. Scheint irgendwie untergegangen zu sein. Nein, nachhaken will er nicht, höre ich auf meine Nachfrage. Erst einmal alles alleine versuchen.

Im Heim hat meine Mutter nur noch da gelegen. Sie hat gestöhnt und geschrieen. Einige aus den Nachbarzimmern hatten sich bereits beschwert.

Er übernimmt sich. Meine Meinung. Aber letztlich ist es seine Entscheidung. Ich biete Hilfe an. Er lehnt ab. Aufgrund der Entfernung sind meine Möglichkeiten eingeschränkt. Ich kann nur beraten. Aber er will nicht.

Er ist bereits an seiner Grenze, aber er selbst weiß es noch nicht. Er kann nicht loslassen. Er will nicht loslassen. Ich kann es ja nachvollziehen. Den Menschen, den er geliebt hat, sieht er ja noch. Allerdings nur sein Hülle. Alles andere ist irgendwann in den letzten Monaten verschwunden.

Kommenden Wochenende wollte sie zu Besuch kommen. Daraus wird nichts mehr. Letztes Weihnachten haben wir noch zusammen verbracht. Jetzt weiß ich, dass es das letzte gemeinsame Weihnachten war.

- "Erkennt sie Dich noch?", frage ich ihn.

Er schluckt. Er ringt nach Fassung.

- "Nein." Dann fügt er hinzu: "Nur noch ab und an."

Er schickt mir ein Foto per Whatsapp. Die Unterschrift: "Gewaschen, gewindelt und angezogen."

Meine Mutter liegt unter eine Decke auf einem Kissen. Blaue Bettwäsche, die gemütlich aussieht. Der Kopf zur Seite. Der Mund leicht geöffnet. Die Haare komplett ergraut. Sie schläft. Sie wirkt entspannt. Als sie noch über die Ansätze eines Bewusstseins verfügte, sah sie sehr angespannt aus. Verbittert. So wie sie da liegt, wirkt es fasst friedlich.

Der Abbau der körperlichen und geistigen Funktionen ging sehr schnell. Erschreckend wie sehr sich der Zustand in den letzten 6 Monaten verschlechtert hat. Der Verlust der eigenen Beweglichkeit ist der Anfang. Ich erinnere mich daran, was ich gelesen hatte. Am Ende wird sie vergessen, wie man schluckt. Wahrscheinlich wird etwas in die Speiseröhre rutschen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dann an einer Lungenentzündung zu sterben.

So grausam es klingt, aber das ist besser als jemanden künstlich am Leben zu erhalten zu werden.

Das alles ist wie ein Sterben wie in Zeitlupe.

Ich hoffe, es geht schnell. Für sie. Für meinen Vater.

Kommentare:

  1. Also, ein Ortswechsel, wie die Verlegung in ein Pflegeheim ist vor allem für ältere und kranke Menschen regelmäßig eine Belastung.
    Die Verarbeitung neuer Eindrücke, auch die (noch teilweise) Wahrnehmung der aktuellen Situation, der Kontakt zu unbekannten Menschen, wie Pflegern, die einem nahekommen, können eine Verunsicherung hervorrufen, die der Betroffene irgendwie artikulieren möchte, aber aufgrund der Einschränkungen durch die Krankheit nicht mehr richtig kann. Das kann das Stöhnen und Schreien Ihrer Mutter im Pflegeheim erklären.
    Durch diese Belastung durch Veränderung kann sich auch der Allgemeinzustand verschlechtern.

    Die Verlegung in die gewohnten, heimischen vier Wände kann hier eine deutliche Beruhigung und Verbesserung der Situation für Ihre Mutter darstellen, so dass es ihr auch wieder besser gehen kann. Was auch immer das für alle Beteiligten bedeutet.

    Ich habe große Hochachtung vor der Haltung Ihres Vaters, die Situation selbst und in den eigenen vier Wänden zu meistern. Diese Verantwortung wahrzunehmen und für seinen Partner auch in schlechten Zeiten da zu sein, ist in der heutigen Zeit aller Ehren wert.

    Zudem hat man im häuslichen Bereich, wenn man selbst die Organisation der Pflege in der Hand hat, die Möglichkeit, Umgebungsbedingungen durch Zusammenarbeit mit Hausarzt und Pflegedienst zu schaffen, die bewirken können, die eine oder andere Akutsituationen eher vor Ort ohne Krankenhauseinweisung zu meistern.

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    1. Ja, vielleicht haben Sie recht, Herr Blogspargel.

      Das Schreien und Stöhnen liegt nicht mehr nur im Pflegeheim vor, sondern auch auch zu Hause. Der Zustand festigt sich in dieser Beziehung.

      Schauen wir mal, wie die Dinge sich entwickeln werden.

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  2. Hallo Herr MiM...Hut ab vor ihrem Vater..ich wünsche ihm viel Kraft ..er entscheidet was er für seine Frau tun möchte. Es ist sehr berührend. Es wünscht sich jeder so gepflegt zu werden..In der Pflege erledigen diesen Dienst 3 Personen... Er darf nicht auf Hilfe verzichten..Weiß er das? Ein langer Post von Frau A.

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    1. Ja, ich denke, er weiß, dass er Hilfe brauch, Frau A. Nur will er es noch nicht wahrhaben, weil er die Annahme als Unzulänglichkeit wahrnimmt.

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