Sonntag, 3. Juli 2016

Das große Vergessen

Das Telefon klingelt später am Abend. Ich schaue auf das Display. Mein Vater. Ich bin überrascht. Anrufen ohne vorher sich per Whatsapp anzukündigen ist eine Abweichung vom Prozess. Ich nehme ab.

- "Hallo. Wie geht´s ?", frage ich.

- "Beschissen", die Antwort kommt kurz und knapp. 

Ich sage nichts. Warte ab. Er redet weiter. Zumindest versucht er es. 

- "Deine Mutter......" 

Pause....

- "Deine Mutter......."

Er will weiterreden. Schafft es aber nicht. Die Stimme wird von Tränen erstickt.

- "Sie steht nicht mehr auf", sagt er, als er sich eine Minute so weit gefangen hat, dass er wieder Worte findet. "Sie ist einfach liegen geblieben. Nicht mehr aufgestanden. Ich habe sie aus dem Bett gehoben. Habe sie angezogen und dann die Truppe runter gebracht."

Ich höre aufmerksam zu.

- "Dann habe ich den Krankenwagen gerufen. Sie ist jetzt in einem Pflegeheim. Sie liegt im Bett und steht nicht mehr auf. Wenn sie mich erkennt, dann beschimpft sie mich. Dann weiß sie nicht mal mehr wer ich bin."

Er weint. Bekommt kein Ton raus.

- "Tut mir leid", er entschuldigt sich.

Ich beschwichtige ihn. Biete an vorbei zu kommen, aber er wiegelt ab. Er ist fertig. Seine Sprache wird immer wieder vom Weinen unterbrochen. Ich höre zu. Mehr kann ich nicht tun. Ich denke, im Heim ist sie sehr gut aufgehoben. Er schimpft auf alle. Ärzte. Pfleger. Das System, was ihm seine Frau nicht zurückgibt. Diesem System will er sie nicht überlassen. Er will sie zu Hause pflegen. Ambulant. Mit Unterstützung. Es würde schon irgendwie gehen, sagt er.

Es wird ihn kaputt machen.

Wir reden nicht lang. Ich verspreche mich regelmäßig alle zwei bis drei Tage zu melden. Wie ich halt kann.

Als das Telefonat vorbei ist, denke ich mir, dass so also das Ende aussieht. Er versagt die grobe Motorik. Der Körper vergisst wie das geht. 

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, hier ist der Punkt, an dem der wirklich unangenehme Teil kommt. 

Kommentare:

  1. So schön es ist, dass Sie wieder da sind, aber das klingt nicht gut. Ich wünschte, ich könnte Ihnen einen Tipp geben, wie Sie Ihrem Vater beistehen können, aber das kann ich leider nicht. So sieht wohl wirkliche Hilflosigkeit aus. Trotzdem, Kopf hoch.

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    1. Ehrlich, Herr Borusse, ich bin nur halb da. Meine Energien sind momentan stark an anderen stellen gebunden.

      Mich persönlich stört, dass ich eigentlich nur reagieren aber nicht agieren kann.

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  2. Nicht schön das alles, nicht schön.
    Ich habe wirklich große Angst das es meiner Mutter (81) auch so ergehen könnte. Oder auch mir im späteren Alter.

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    1. Wissen Sie, Herr Andi, eine Alterdemenz ist noch einmal eine ganz andere Geschichte. Mit dem Älter werden, wird man nun mal etwas vergesslich. Meine Mutter ist noch keine siebzig Jahre alt.

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  3. Also, "un"angenehm ist nur ein Teil davon, viele andere mit "un" beginnende Worte werden auf die anstehenden Situationen zutreffen - leider.
    Es ist natürlich so, dass man den geliebten Lebenspartner nicht in fremde Hände geben und am liebsten selber pflegen möchte, aber Sie schreiben zurecht, es würde Ihren Vater kaputt machen. Ihre Mutter ist ja nicht mehr die Frau, die er und die ihn geliebt hat, die Krankheit hat das alles verändert.
    So hart es sein mag, es werden noch mehr Situationen kommen, in denen es eines erfahrenen Pflegepersonals mit einer gewissen emotionalen Distanz bedarf, um diese für alle Seiten vernünftig zu lösen, deshalb ist ein Pflegeheim aus meiner Sicht keine schlechte Lösung.
    Das Drumherum und die Pflegequalität müssen natürlich passen, das zu ermöglichen, das ist der Job, den die nahen Angehörigen zu der Situation noch beitragen können.

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    1. Ich stimme Ihnen absolut zu, aber versuchen Sie das mal dem älteren Herrn klar zu machen. Nahezu unmöglich.

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  4. Ich wünsche Ihnen für diesen Prozess die nötige Kraft und Ruhe.

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    1. Wissen Sie, Frau Melanie, ich habe weder die Kraft noch die Ruhe... aber es geht ja nicht anders. Ich habe keine Wahl.

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  5. Auch wenn das gefühllos klingen mag (das ist es nicht), ich wünsche Ihnen und Ihrem Vater und eben auch Ihrer Mutter das es nun schnell zu Ende geht. Der Mensch ist von der Krankheit zerstört und es bleiben ihm nur die schlechten Gefühle. Angst und Wut. Und die Angehörigen gehen daran kaputt. Und dem Kranken selbst geht es sehr schlecht dabei. Leider alles hier so erlebt. Das dabei-Zusehen zerstört komplett das gute Andenken an diesen Menschen.

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    1. Ja, Frau Kira, mit dem Wunsch sind Sie nicht alleine. Mein Tipp... das wird noch so ein bis zwei Jahre gehen. Das Ende wird hart und unerbittlich kommen.

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  6. Hallo Herr MiM einfach zum Vater fahren ihn in den Arm nehmen und nichts sagen....es ist alles gesagt....der Vater ist sehr stark. Alles Gute für Sie und ihre Familie von Frau A.

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    1. Danke Frau A, schauen wir mal, was passiert.

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