Dienstag, 29. Dezember 2015

Das große Vergessen

Durch die zeitlichen größeren Abstände kommen mir die Auswirkungen der Krankheit massiver vor. Was das Leben mir hier vor Augen führt ist drastisch.

Respekt vor meinen Vater, der seine demenzkranke Frau ins Auto setzt und mehrere hunderte Kilometer fährt, nur um Weihnachten mit der Familie zu verbringen.

Es wäre auch schön gewesen, wenn meine Mutter vielleicht noch das Konzept von Weihnachten bewusst hätte. Sie betrat das Haus schon langsamer als sonst. Sie ist gebrechlich. Zerbrechlich. Jede Bewegung bereitet ihr Anstrengungen und Mühen. Manchmal so viel, dass sie sofort beginnt zu weinen. Mein Vater sitzt dann neben ihr. Hält ihre Hand. Hört sich ihre Vorwürfe an, wie schlecht er sie behandele, obwohl er gar nicht macht.

Dann sitzt sie wieder da, auf dem Stuhl oder auf dem Sofa. Sie starrt gerade aus. Ins Leere. Die Augen sind leer. Der Geist scheint in einer anderen Welt zu sein. Auf einmal eine Reaktion...

- "Wo ist mein Mann", fragt sie und schreckt dabei auf. Das ganze Gesicht wirkt erschrocken.

- "Der sitzt neben Dir",sage ich und zeige auf meinen Vater, der neben ihr sitzt.

Die Persönlichkeit... der Charaker meiner Mutter verschwindet langsam im Nebel. Im Grunde ist er schon nicht mehr da. Die Augen sind trübe. Ihnen fehlt dieses Funkeln.

Auf einmal starrt sie mich an. Sie fixiert mich. Die Augen sind aufgerissen. Sie lehnt sich zu meinem Vater und flüstert etwas. Was ich dem Flüstern entnehme, nimmt einem jede Hoffnung.

- "Wer das ist? Das... das ist Dein Sohn", sagt mein Vater. Er zeigt auf mich und drückt sie zärtlich an sich.

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie es sich anfühlen wird, wenn der Zeitpunkt kommt, an dem mich die Krankheit aus ihrem Kopf tilgen wird. Jetzt ist er da. Das ist der Anfang. Die Schwelle. Ich werde vergessen. Meine Existenz im Geist eines anderen Menschen wird ausradiert. Das macht mich zum Opfer dieser Krankheit. Meine Verschwinden ist ein Kollateralschaden. Es ist keine bewusste Entscheidung, sondern geschieht einfach so.

Es ist grotesk. Nachdem ich mehr als ein Jahrzehnt jeden Kontakt blockiert hatte und jede Verbindung verneinte, dreht diese Krankheit den Spieß um und lässt mich in Vergessenheit geraten.

Mein Vater arbeitet sich an dem Zustand ab. Wirklich gut sieht er nicht aus. Seine Leichtigkeit ist vergangen. Seinen Mut hat er verloren. Er lebt von der Substanz. Er will nicht loslassen. Verständlich. Er muss loslassen... um seiner Selbst. Ohne jegliche Schwierigkeiten bietet die Pflegeversicherung ihm eine Tagesbetreuung an. 25 Tage im Monat. Ohne mit der Wimper zu zucken. Er überlegt, ob er es ein oder zweimal im Monat in Anspruch nehmen sollte?

Gegen Mittag am zweiten Weihnachtsfeiertag packt er die Sachen und macht sich auf den Rückweg. Wir verabschieden uns.

- "Auf Wiedersehen", sage ich zu meiner Mutter, drücke sie ganz leicht an mich. Sie schaut auf, sieht zu meinen Vater und schimpft, dass sie nach Hause will, er nicht so schnell fahren soll und was er nicht für ein schlechter Mensch ist.

Ich verabschiede mich von meinem Vater, gehe zurück ins Haus und schließe die Tür. Ich lasse mich gegen die Tür fallen. Schüttele den Kopf. Erinnere mich an den Heilig Abend. Irgendwo irgendwann an dem Abend kämpfte ich kurz mit den Tränen. Nicht aus Wut. Sondern aus reiner Hilflosigkeit.

Es wird das letzte gemeinsame Weihnachten gewesen sein.

Kommentare:

  1. Hallo Herr MiM, bis zuletzt alles voll mitzubekommen musste ich jetzt erleben. Das ist genauso schlimm..Aber auch das ist leider..Leben. Sie machen das richtig..Bis zuletzt alles normal..erledigen..ist die.. Kunst. Viele Grüße von Frau A



    AntwortenLöschen
  2. Am Schlimmsten habe ich empfunden, dass von dem Mensch nur noch Gefühl bleibt - aber bei den meisten Betroffenen (bei allen die ich "erlebt" habe) sind das Wut, Hass und Angst. Immer bezogen auf die nächsten Angehörigen. Oft auch noch zusätzlich auf alle Menschen die den Kranken zufällig begegnen. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass die guten Gefühle bleiben könnten. Tun sie aber wohl nicht. Ein besch... Weg abzutreten. Für alle. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem es auch bei miener Mutter losgeht. Ich wünsch Ihnen was, Herr MiM. Sie wissen schon.

    AntwortenLöschen
  3. Ach Herr MiM, ich drück Sie mal virtuell...

    AntwortenLöschen
  4. Schrecklich, ich wünsche Ihnen alle Gute und noch zahlreiche Augenblicke mit Ihrer Mutter. Ich glaube in Vergessenheit geraten wir alle, spätestens nach drei Generationen ist man nur noch im Stammbaum vorhanden, aber Erinnerungen an einen hat kaum noch jemand.

    Frage am Rande: Bewirkte der Hund eine positive Reaktion?

    AntwortenLöschen
  5. Schlage vor, Sie nehmen das liebe schwarze Flauschbuendel in die Arme (denn f. umgekehrt muessen Sie noch etwas warten bis es groesser ist) und es wird Ihnen DAS bestaetigen, was Ihrer Mutter leider durch die boese Krankheit verloren ging: Das Wissen, dass SIE wertvoll, interessant, wichtig und liebenswert sind - egal, wiiiie Sie per Blog 'mautzen, meckern und mosern, boesewichten usw.' koennen/moegen!
    Und denken Sie bitte dran: 'grosse Pfoten' koennen das mit dem 'Stuetzfinger' unterm Kinn nicht; jedoch DIESE grossen Pfoten auf sich 'gepflanzt' bekommen ist reiiiichlich equivalent (plus die 'Pfoten-Besitzer' sensen meist viiiel frueher, wenn 'dies' gut ist).

    LG, Gerlinde
    gerade sinnierend ueber Frau Kira's Ausage, dass 'durch die Krankheit wohl ueberwiegend *Negativ-Gefuehle* ausgeloest werden'. Immerhin ging DAS bei Ihren Muettern nicht schon mit 25 los ^^!

    AntwortenLöschen
  6. Sie und Ihr Vater sind sehr tapfer!
    Lassen Sie das Jahr gut ausklingen.
    Wie gut, dass Sie etwas sehr Lebendiges in Ihr Leben geholt haben.
    LG Fr Eva

    AntwortenLöschen

KOMMENTAR-ABGABE-GEBRAUCHSANWEISUNG DIE VORHER ZU LESEN IST

Verehrter Leser, verehrte Leserin,

plumpes Duzen ist in diesem Blog verpönt. Duzen dürfen Sie mich, wenn Sie mit mir bereits einmal betrunken die Kellertreppe herunter gefallen sind. Wenn Sie mich nicht Siezen wollen, dürfen Sie mich auch mit "Eure Großartigkeit" und/oder "Oh Unglaublicher" ansprechen.

Ihre Kommentare müssen NICHT meine Meinung widerspiegeln und dürfen auch gerne kritisch sein... an der Sache, an meiner Person.

Habe ich das gesagt? Vergessen Sie es. Ich will schöne Kommentare. Sagen Sie mir wie toll ich bin, feiern Sie mich und schmieren Sie mir Honig ums Maul.

Jegliche Kommentare die mir nicht gefallen oder mich nicht als grandiose und tolle Person darstehen lassen, lösche ich sofort.

Für die restlichen Kommentare gibt es keine genauen Regeln. Ich bin da sehr willkürlich und die Veröffentlichung kann stark von meiner persönlichen Tageslaune abhängen. Und die ist meistens ziemlich mies.

Anonyme Kommentare, außer der mir bekannten üblichen Verdächtigen werden nicht veröffentlicht.

Und wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, dann schreiben Sie mir eine Email. Die Kommentarfunktion dient nicht als Kanal für konspirative Mitteilungen.

Ach, Sie finden hier keine Email? Das könnte dann daran liegen, dass ich an einem Kontakt mit Ihnen kein Interesse habe.

Auch ist die Kommentarfunktion auch nicht dazu gedacht einer Ihrer wirren Ideen und/ oder Meinungen eine Plattform zu bieten. Dafür empfehle ich das Schreiben eines eigenen Blogs und diesen in einen Webkatalog für Verschwörungstheorien einzutragen.

Weiterhin dient dieser Blog nicht dazu um persönliche Kontakte zu generieren, Freundschaften zu schließen oder Bekanntschatften mit Frauen aufzubauen. Ich mag andere Menschen nicht sonderlich und ich habe keine Zeit und Lust auf zeit- sowie energieraubende Balzrituale. Dieser Blog dient ausschließlich mir selbst zu zeigen, wie toll ich bin und Sie sowie den Rest der Menschheit als unwürdig dastehen zu lassen.

Ich versuche hier keinen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen.

Gleichzeitig stimmen Sie mit der Abgabe Ihres Kommentars, im Fall meiner Übernahme der Weltherrschaft, der Abschaffung des Frauenwahlrechts, der Einführung eines 24 stündigen frei zugänglichen Amateurpornokanals, der öffentlichen Auspeitschung von Mit-150km-auf-der-linken-Spur-Fahrer und der Einführung des Freitags als offiziellen Cuba Libre Tags zu.