Donnerstag, 13. August 2015

Das große Vergessen

Als das Telefon klingelte war ich am Essen. Mein Vater. Ich nahm nicht ab. Ein Anruf unter der Woche. Das bedeutete nichts Gutes. Ich aß zu Ende. Die schlechten Nachrichten konnten ruhig noch einige Minuten warten. Ich trank noch einen Schluck und griff dann zum Telefon.

Seine Stimme schwankte stark. Es ging um einen Termin. Sie, er und meine Mutter, wollten zu Besuch kommen. Daraus würde nun nichts werden. Er schluckte. Tränen mischten sich unter seine Worte.

 - „Deine Mutter wurde in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert.“

Dann fing er bitterlich an zu weinen.

Ich sagte nichts. Was sollte ich dazu auch sagen?

Die Dinge waren vollkommen außer Kontrolle geraten. Während einer Autofahrt hatte sie einen totalen Aussetzer. Mein Vater erzählte, dass sie anfing ihn zu beschimpfen. Was für ein übles Schwein er wäre. Dann wollte sie alle verhaften lassen. Wer auch immer ´alle´ sein mögen. Als nächstes versuchte sie während der Fahrt, auf der Autobahn, bei voller Geschwindigkeit, aus dem Wagen auszusteigen. Er konnte es gerade so verhindern.

Es ging es ein paar Tage. Dann wieder. Sie beschimpfte ihn. Dieses Mal wurde sie handgreiflich. Er sagte, sie hätte nach ihm geschlagen. Schlagen? Diese Person. Kaum vorstellbar. Vielleicht eher ein unkoordiniertes hysterisches Hauen. Er wusste sich nicht mehr zu helfen. Er rief die Polizei. Die schickten ihm einen Krankenwagen und einen Arzt. Sie nahmen sie mit und sie ließ sich bereitwillig mitnehmen.

Ich weiß nicht was genau alles geschah. Er war nicht in der Lage es detailliert zu beschreiben. Am Ende haben sie sie in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen und sie dort behalten. Er fährt jeden Tag zu ihr hin, besucht sie und ist bei ihr. Als er gehen wollte, zieht sie sich an und wollte mitkommen. An der Tür mussten sie sie festhalten.

Mein Vater begann immer mehr zu weinen. Das Schluchzen erstickte am Ende jedes Wort. Er entschuldigte sich dafür. Ich stand da, hatte das Telefon in der Hand und hörte das Wimmern und Weinen meines Vaters.

Die Demenz hat in den letzten zwei Monaten einen gewaltige Schub nach vorne getan.

Ich habe in meinem ganzen Leben meinen Vater nie weinen gehört.

Kommentare:

  1. Hart!
    Mehr fällt mir dazu nicht ein...

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    1. Ja, Herr Ralf... man steht da einfach daneben... und selbst als Beteiligter ist man zum Zusehen verdammt.

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  2. Das Leben nimmt manchmal seltsame Wege ...
    Ihnen und ganz besonders Ihrem Vater wünsche ich die Kraft, das durchzustehen.

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    1. Danke, Herr Ednong. Das Dumme ist, er wird da so oder so durchmüssen. Das Leben wird ihn nicht nach seinen Wünschen fragen.

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    2. Da haben Sie Recht - er wird da durch müssen. Sie allerdings auch, Herr MiM, Sie auch.

      Und dafür wünsche ich Ihnen die Kraft.

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  3. ich bin gerade sprachlos.
    wünsche ihnen und ihrer familie kraft. einfach genug kraft.
    _yve75_

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  4. Yes Mim...this is though for you Dad and you for that matter. You see somebody you have been with most of you life deteriorating in front of your eyes an you are helpless to do something about it. Mate...I don't know what else to say.
    Frank

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    1. Ja, das ist ein Aspekt an der Geschichte, Frank. So schlimm wie das alles klingen mag, macht mir eine andere sehr viel mehr Sorgen.

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    2. Ok....now you lost me but that is your business...
      Frank

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    3. Ich schaue nicht auf das was gerade ist, ich schaue auf das was noch kommen wird und ich mache mir mehr darüber Gedanken, wie er damit umgehen wird.

      Er müsste handeln, tut es aber nicht. Und mir sind an der Stelle die Hände gebunden.

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    4. Ok...I understand...the fall out from events is always the hardest to deal with Mim

      Frank

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  5. Hallo Herr MiM, mir stehen die Tränen in den Augen... auch unsere Familie erlebt derzeit Schreckliches. Es tröstet auch nicht immer das es jeden treffen kann und es ist schwierig immer die richtigen Worte zu finden und darauf angemessen zu reagieren.Es ist schwer. Überstehen Sie die schlimme Zeit und stehen Ihrem Vater bei ..wünscht Ihnen Frau A

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    1. Frau A, danke für Ihre Worte und Ihnen selbst viel Glück bei Ihren Herausforderungen.

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  6. Tut mir wirklich leid, dass es so schnell schlimm wird.
    Halten Sie durch!
    LG Frau Eva

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    1. Frau Eva, ohne großkotzig erscheinen zu wollen, denke ich, dass ich der bin, der am wenigsten emotionale Probleme mit der Geschichte hat.

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    2. Das ist gut so!
      Das ist nicht großkotzig, sondern abgeklärt. Dagegen spricht überhaupt gar nichts!
      Sie können ja ganz gut alleine, wie viele aus unserer Generation, aber die Ihrer Eltern. ...für die ist es ein Dogma, ein unüberwindbares Dilemma, alleine zu sein.
      Ruhigen Sonntag wünsche ich Ihnen.

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  7. Werter Herr MiM, leider weiß ich nur zu gut, wie es ist, einen Elternteil bitterlich weinen zu hören und... nichts dagegen unternehmen zu können. Ich würde Ihnen sehr gerne schreiben können, dass es leichter wird... Leider bleibt nur ein Durchhalten bis zum bitteren Ende. Wenn es auch nur ein leichter Trost sein kann: Die betroffenen Personen bemerken ab einem gewissen Stadium die eigene Krankheit nicht mehr. Somit bleibt der Schmerz bei den Angehörigen. Mein einziger Trost in der schweren Zeit.

    LG DSL

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    1. Danke, HerrSilberlöffel. Es wird nicht leichter werden. Es wird noch viel härter werden. Alles was ich jetzt erlebe, ist noch der Anfang. Das Schlimmste kommt noch. Ich werde das ohne weiteren Schaden durchstehen. Meine Sorge gilt an der Stelle jemand anderem.

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  8. Hallo Herr MiM, ich lese gewöhnlich ja nur kommentarlos mit. Aber heute möchte ich Ihnen und Ihrem Vater viel Kraft wünschen. Ihr Eintrag hat mich sehr betroffen gemacht, es tut mir sehr leid. Alles Liebe für Sie.

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    1. Danke, Frau Landgeflüster. Das richtig Schlimme kommt ja noch alles.

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  9. Demenz ist eine Bitch! Ihre Mutter hat anscheinend eine schnell fortschreitende und agressive Form, will sagen, dass Sie auch selbst agressiv wird/werden kann. Es gibt so viele Variationen. Und dies als direkt Beteiligter ( Vater) und indirekt Beteiligter (Sie) mit zu erleben ist mega schwer und belastend. Ich wünsche Ihrem Vater alles Gute und viel Kraft, und dass Sie Ihrem Vater eine Stütze sein können.

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    1. Ich Danke Ihnen. Während er glaubt, alles wird besser werden, denke ich, dass das Schlimmste noch kommen wird.

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