Mittwoch, 15. Juli 2015

Das große Vergessen

Die Probleme kommen schneller als ich es angenommen habe.

Ich rufe ihn an. Er ist durch den Wind. Er war mit ihr unterwegs. Sie ist ebenfalls vollkommen durch den Wind. Agressiv. Er ist kaum ansprechbar, reicht das Telefon an meine Mutter weiter. Sie beginnt zu schimpfen.

- "Ich kann das nicht mehr. Ich mache das nicht mehr mit. Ich habe die Schnauze voll. Ich gehe. Ich muss hier raus."

Die Worte kommen gestochen scharf. Ohne größeres Zögern. Dann erzählt sie weiter und das Aneinanderreihen der Wörter verläuft sich wieder im Nirgendwo. Ich weiß nicht was sie hat oder was sie bewegt. Aber es muss etwas sein, dass sie sehr wütend macht. Ich glaube, es wird nicht einmal etwas aktuelles sein. Wahrscheinlich hat das Hirn auf etwas zugeriffen, was im Langzeitgedächtnis verhaften geblieben ist. Dann gibt sie das Telefon zu meinem Vater.

- "Sprich Du mit Deinem Sohn", höre ich es noch wütend.

Ich gehe nicht weiter darauf ein und frage, ob er sich gekümmert hat? Ob er sich um die Beantragung einer Pflegestufe kümmert. Ob er mit dem betreuenden Arzt gesprochen hat? Kontakt zur der Selbsthilfegruppe hergestellt?

Nein, hat er nicht. Die Krankenkasse hat ein Formular geschickt, mit dem eine Pflegestufe beantragen kann. Beratung holt er sich nicht. Keine Ahnung warum? Ich sage ihm, dass er wenigstens Kontakte herstellen muss. Er ist nicht der Erste oder der Einzige dem es so geht. Nur er wird etwas tun müssen, denn später wird im die Zeit davon rennen.

- "Ich gehe das durch und dann muss sie es unterschreiben", sagt er.

- "Sie unterschreiben? Sie kann nichts mehr unterschreiben! Sie ist nicht mehr handlungsfähig", sage ich. "Dir ist schon klar, wie weit das fortgeschritten ist."

- "Schauen wir mal", sagt er und ich spüre durch die Leitung, wie er eine Mauer hochzieht. Verleugnung, Verdrängung und Kleinreden.

Ja, sicher, es ist nicht schön. Und es mag auch schwer sein und ihn emotional mitnehmen. Aber das Leben interessiert sich nicht für die Befindlichkeiten des Einzelnen. Dem Leben ist es scheißegal, ob man mit etwas ein Problem hat oder nicht. Das Bewältigen von Krisen ist die Regel im Leben, nicht die Ausnahme.

Später bekomme ich eine Nachricht. Er wüsste nicht, was ich meine Mutter gesagt hätte, aber auf einmal ist alles wieder gut. Auf einmal war er wieder der Beste. Dann wollte sie essen gehen. Das haben sie dann auch gemacht.

Ist keine Zauberei, schreibe ich zurück. Wenn er die Links gelesen hätte, dann wüsste er es.

Kommentare:

  1. Sorry MIM...it is going to be really tough. People with this condition live in a different reality than you and the partner is faced with a situation that is so unprecedented that sometimes you just shut down and you just don't know what to do any
    more. Especially when you are an older gentleman and feel totally out of your depth.
    Stay strong for them mate.....
    Frank

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    1. Ja, Frank... ich weiß. Und das wird noch alles viel viel schlimmer werden. Aber es ist meiner Meinung nach dieses Kopf in den Sand stecken, dass es noch schlimmer macht. Dieses Verhalten ist nicht von dieser Sitiuation abhängig, sondern zieht sich durch das ganze Leben.

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  2. Sie wissen, Herr MiM, ich nehme immer gerne Abstand von Ratschlägen zumal ich in diesem Fall keine persönlichen Erfahrungen (nur Gelesenes) habe - weder aus Ihrer Sicht noch aus der Ihres Vaters. Und auch wenn ich Ihre Zeilen verstehen kann, dass Ihr Vater sich mit dem Thema auseinandersetzen muss und ein "es hat ja noch Zeit" total falsch und auch für Ihre Mutter nicht gut ist...wenn ich mich versuche in die Gefühlswelt Ihres Vaters reinzuversetzen - ich kann es verstehen. 24 Stunden am Tag zusehen zu müssen, wie man das Liebste verliert, nicht helfen, heilen oder eingreifen kann...auf eine unvernünftige Art verstehe ich Ihren Vater.

    Alles Liebe für Sie,
    Frau nima

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    1. Ja, Frau Nima, leicht ist das nichtl. Und es ist auch nicht schön. Aber so ist es nun mal. Und mein Anspruch ist es, dass ein Mann das tut, was ein Mann tuen muss um die Dinge voran zu bringen. Ob er das will oder nicht. Der Spruch mag ausgelutscht klingen, aber das Leben ist wirklich kein Ponyhof.

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  3. Herr MiM, das klingt übel. Ist mir alles nur zu bekannt, ihre Zeilen bringen es gerade wieder hoch. Aus meiner Erfahrung heraus (nur daraus und aus dem was Sie hier mitteilen, kein allgemein gültiger Ansatz) ist ihr Vater so massiv überfordert das er nichts mehr "organisieren" kann. Das alltägliche Leben mit der entgleitenden Partnerin frisst ihn auf. Bei mir gab es in gleicher Situation 3 Lösungsmöglichkeiten: 1. Ich kümmere mich und regele ALLES. 2. Ich versuche jemanden einzustellen der sich gegen Geld kümmert 3. Ich setzte mich dem nicht aus und lasse die Situation eskalieren. 2. konnte ich mir nicht leisten, 3. habe ich trotz allem nicht über das Herz gebracht. Blieb nur 1. Ich wünsche Ihnen Durchhaltevermögen und eine gute Lösungsfindung.

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    1. Ja, Frau Kira. Das ist übel. Es ist sehr übel. Das Problem ist, dass mein Vater sich Zeit seines Lebens bereits immer um die unangenehmen Dinge gedrückt hat. Und nun rächt es sich, weil er jetzt, wo es wirklich darauf ankommt, in eine relativ hilflose Situation kommt, die andere, in dem Fall, wieder ausbaden müssen. Und das ärgert mich einfach.

      Mal schauen, wie sich das entwickelt.

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  4. Also, da kommt es ja knüppeldicke für Sie. Neben der Auseinandersetzung mit der Krankheit Ihrer Mutter gibt es offensichtlich noch so ein Vater-Sohn-Dingens. Ist aber so und kommt immer wieder mal vor.

    Getrennt von der emotionalen Ebene ist dieser offene Punkt rein rational natürlich auch nicht hilfreich, da Sie vermutlich aufgrund der räumlichen Trennung nicht immer in der Lage sein werden, sich um alles zu kümmern sondern immer wieder Unterstützung vor Ort benötigen, wie den Antrag auf Pflegestufe. Bei Dementen gar nicht so einfach, hier sollte man vor dem Beurteilungstermin auch etwas "trainieren".

    Entscheidend sehe ich für den weiteren Fortgang und die weitere Kontrolle, dass eine Vorsorgevollmacht Ihrer Mutter existiert, der beim aktuellen Zustand mindestens drei bis fünf Jahre alt sein sollte, um sie nicht anfechtbar zu machen.
    Im schlimmsten Fall kann nämlich das Amtsgericht für Betreuungssachen einen Betreuer, in der Regel von ausserhalb der Familie, einsetzen, der die gleichen Rechte wie Ihre Mutter hat, also über alles, das Vermögen und auch das Aufenthaltsrecht verfügen kann und den die Familie bezahlen muss.
    Da kann man - leider - viel "Spass" haben.

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