Donnerstag, 18. Juni 2015

Das große Vergessen

Die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist bitter.

Bereit sein ist alles. Shakespeare. Seine zeitloseste Aussage. Ich habe Versprochen meinen Vater zu unterstützen. Also mache ich genau das, was ich immer tun würde. Ich behandele es wie ein Projekt. Klingt lieblos, hilft mir aber meine Gedanken zu ordnen. Notwendigkeiten von Gefühlen zu trennen. Ich beginne mit den Basics. Hintergrund, Ursachen, erste Anzeichen, Umgang mit dem Erkrankten, mit seinem Verhalten, mit sich selbst als Betreuender. Ich bilde Cluster, mache mir Notizen, sortiere Webseiten, lege zwecks der Dokumentation eine Bookmark-Liste an.

Professionelles Projektmanagement und Projektdokumentation in Evernote. Ein Projekt, das nicht erfolgreich sein kann. Das Ende steht unumstößlich fest. Nicht ob, sondern wann ist die Frage. Wie lange. Ich fühle ich wie ein Insolvenzverwalter einer menschlichen Existenz, in der mein Vater der verbleibende Angestellte sein wird, der am Ende ohne Job da stehen wird. Er wird ein Teil seines Lebens abwickeln. Das ist ihm momentan noch nicht so bewusst. Zumindest vermittelt er mir nicht den Eindruck.

Ich mache das, was ich am Besten kann. Probleme lösen. Richtungen vorgeben. Koordinieren. Den Blick auf das Ganze behalten. Vorbereitungen dafür zu treffen alles auf Kurs zu halten, wenn alle anderen nicht mehr klar denken können. An der Stelle muss ich schmunzeln. Mein halbes Leben hat man mir von verschiedenen Seiten vorgehalten, was ich für ein gefühlsloser Klotz wäre. Aber wenn die Kacke am Dampfen ist, dann ist man immer erste Wahl. C´est la vie. Irgendwas muss ja auch ich können.

Ich lehne mich zurück und starre auf den Text auf dem Bildschirm. Es kein angenehmes Gefühl, wenn man das Verhalten der Mutter 1:1 im klassischen Krankheitsverlauf wiederfindet. Die Ausführungen beschreiben den Zustand haargenau. Jede Situation finde ich wieder. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Das Umherlaufen, die Probleme mit Messer und Gabel, alles. Demenz. Fortgeschrittenes mittleres Krankheitsstadium. Im Grunde genommen ist der Zug abgefahren. Damit habe ich nicht gerechnet. Das Leben stellt mich vor eine vollende Tatsache. Vollendete Tatsachen interessieren sich nicht dafür, ob es einem gefällt oder nicht. Da lamentieren nichts bringt, bleibt nur die Frage, wie gehe ich damit um?

Ich schreibe meinem Vater eine Email. Ich schicke ihm die Linkliste, stelle ein paar Fragen und verteile Aufgaben. . Ich schreibe ein paar Zeilen dazu. Wir werden reden müssen.

Kommentare:

  1. I understand exactly MiM....
    I am a Construction Engineer Project Manager. Everything is planned, programmed to the best of one's ability at the time....And then shit happens and life throws you a curve ball an you go 'how does this fit into my overall planning?'....What are my contingencies?...how can I accommodate this situation in my own world picture?.
    In the end, we deal with it and carry on...there is no other choice...after, there will be a lonely, grieving old dad that will need you mate...
    Frank

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    1. Ja, Frank, das ist das Unglückliche. Am Ende werde ich eine Aufgabe absolviert haben und dann gleich die nächste auf dem Tisch haben. Ja, das wird nicht schön werden.

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  2. Ja. Projektmanagement hilft in Lebenskrisen. Habe ich im umgekehrten Elternfall gemacht (Vater schwer krank und verstorben, Mutter-Leben war umzuorganisieren). Ja. Und dann wird man eiskalt und gefühllos genannt. Und im gleichen Atemzug bewundernd gefragt wie man es denn geschafft hat das mit der Krankenkasse und wieso die Mutter jetzt doch die große Witwenrente, wo doch der Vater zu früh verstorben. Tja. Die eiskalte Tochter hat halt rechechiert, analysiert und dann die besten Möglichkeiten realisiert. Gegen amtliche Widerstände. Ich hätte natürlich auch wochenlang hilflos heulend neben einem im Koma liegenden, sterbenden Mann sitzen können. Wäre vielleicht für mich sogar besser gewesen? Für meine Mutter und ihr jetziges Leben aber eben nicht.... Chapeau Herr MiM. Ich find es richtig so wie Sie es machen.

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    1. Ja, Frau Kira, so in etwa wird das hier auch laufen. Und wissen Sie was, ich denke es gibt hier kein richtig oder falsch. Man muss es so machen, wie man am besten für sich selbst klar damit kommt.

      PS. Schön Sie hier wieder einmal begrüßen zu dürfen.

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  3. Anmerkung: Ziel wäre für mich als Kind: dem übrigbleibenden Menschen das Restleben so angenehm wie möglich zu gestalten. Und rauszuholen, was geht.
    Sie machen das gut so!
    Herzlichst, Fr Eva

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    1. Gut, Frau Eva, das ist weniger mein Ziel. Mein Ziel ist größere Schwierigkeiten zu vermeiden, damit ich nicht noch mehr Schwierigkeiten auf den Tisch bekomme.

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  4. Vom Gefühl her, denke ich, dass Ihr Vater beide Sorten "Mensch" braucht - den Mitfühlenden und auch Mitleidenten. Und dann den, der sich um die richtig unangenehmen Dinge kümmert, nach aussen eher nüchtern und vielleicht etwas kalt wirkt - aber die Sache sieht, ohne sich zu verlieren. Und man kann nicht immer beides sein! ;)

    Alles Liebe
    Frau nima

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    1. Ich will auch nicht beides sein, Frau Nima. Dieses Anspruch habe ich nicht. Und zwischen diesen Positionen werde ich mich auch nicht aufreiben.

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  5. Herr MiM, sie handeln genau richtig. Emotionen sollen und dürfen Sie sich leisten - wenn Sie alleine sind. Oder "danach". Vorher aber, müssen Sie möglichst kühl handeln. Gönnen Sie Ihrem Vater die emotionale Seite, regeln Sie den Rest. Später wird er Ihnen dankbar sein, auch dafür, dass Sie ihm sein Leben neu regeln. Und irgendwann wird Ihr Vater das auch so sehen. War bei mir so und bei all den anderen Fällen, die mir aus der Bekanntschaft bekannt werden. Und ja, die rationalen Menschen werden dann geholt, wenn der Rest der Menschheit an seine Grenzen stößt.

    Ich wünsche Ihnen viel Stärke und irgendwann auch die Zeit, alles zu reflektieren.

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    1. Danke, Herr Silberlöffel. Ja, wahrscheinlich sind das die Momente an denen Menschen wie ich, dann einmal im Leben ihren großen Auftritt haben. Ich bin sehr gespannt, wie dass dann weiter geht.

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    2. Herr Silberlöffel, Sie haben es perfekt auf den Punkt gebracht.

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  6. Sie machen diese schwere Sache für sich und Ihren Vater so bestimmt erträglicher. Respekt!

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    1. Interessant, Frau Serendipity, ich habe bisher nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet, ob es erträglich ist oder nicht.

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    2. Naja, der Mensch kann eine ganze Menge Leid ertragen, aber es wird für Sie leider noch eine sehr harte Zeit werden. Wie bereits gesagt, es ist verdammt schwer, einen geliebten Menschen gehen zu lassen. Selbst, wenn man für einige Zeit Stress mit ihnen hatte, es bleiben nun mal die Eltern.
      Für Ihren Vater wird es nach all den Ehejahren sicherlich die Hölle sein. Ich glaube nicht, dass unserereins sich in nahezu 50 Ehejahre hineinversetzen kann. Also, bleiben Sie rational denkend und helfen Sie Ihrem alten Herrn.

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    3. Ja, Herr Borusse, leicht wird es für ihn nicht werden. Und die Probleme beginnen schon... und zwar in eine ganz andere Richtung als ich vermutet habe,

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  7. Vollendete Tatsachen - ist das nicht meist so im Leben? Das wir an den Dingen nichts ändern können - also denen, die das Leben auftischt?
    Wenn Sie das tagtäglich machen mit dem Projektmanagement, dann werden Sie das bestimmt hinbekommen. Ich wünsche Ihnen da viel Erfolg.

    Ihren Vater wird es wahrscheinlich das Herz zerreißen. Er sollte eine Möglichkeit finden, wo er sich "ausheulen" kann, damit er nicht dran erstickt. Und halten Sie ihn geistig in Bewegung, damit er nicht das gleiche Schicksal erleidet. Und damit er seinen Lebenswillen behält.

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    1. Ja, meinem Vater wird es das Herz zerreißen, Herr Ednong. Und so unsensibel sich das anhört, das Leben schert sich einen Dreck darum. Allerdings wird er sich auch anstrengen müssen und sich Problemen stellen müssen. Und damit fängt es an. Vermeidungsstrategien sind in der Familie ein unglaubliches großes Ding.

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