Freitag, 20. März 2015

Die Geschichte vom Anfang des Endes (6)

So long and thank you for all the fish – Februar 2000

Es war der 70. Geburtstag meines Großvaters. Oder war es der 75. ? Ich weiß es nicht mehr genau. Es war irgendwann in der ersten Februarwoche. Noch 2 Wochen, dann wollte ich bereits in der großen Stadt im Süden sein. Ich wollte nicht zu dieser Geburtstagsfeier. In mir hatte sich alles gesträubt. Ich hatte die Schnauze voll von dieser Familie. Alle, ausnahmslos, gingen mir auf den Sack und zogen an meinen Nerven. Vor einem dreiviertel Jahr hatte ich gesagt, würden sich nicht gewisse Verhaltens- und Umgangsformen ändern, dann wäre ich raus aus dieser Nummer. Es gab so vieles was mich störte, so vieles mit dem ich nicht zurecht kam. In solchen Situationen gibt es nur zwei Varianten. Man spielt das Spiel mit. Hält die Hand auf und nimmt als gutes Enkelkind die Geldgeschenke an und fügt sich an den vorgesehen Platz im System ein. Oder man verlässt das System. Mit allen Konsequenzen. Schatz und meine Eltern hatten mich Engelszungen überredet, der Familie noch eine Chance zu geben. Es würde bestimmt schon alles nicht so schlimm werden.

Es wurde schlimmer.

In einer Gaststätte wurde ein großer Festsaal gemietet, der allen Besuchern Platz bieten sollte. Und es waren viele Leute eingeladen. Die Sitzordnung folgte einer Rangfolge, die abhängig war in einer Kombination von verwandtschaftlichen Grad und einem willkürlichen Nasenfaktor. Dann folgten Bekannte, Freunde, ehemalige Arbeitskollegen. Schatz und ich kamen zu spät. Wir wurden in Empfang genommen, man begrüßte uns, wir gratulierten und man wies uns unsere Plätze zu.

Sauber vom Rest der Familie separiert, hatte man das schwarze Schaf der Familie, also mich platziert. Im Grunde genommen war es mir egal. Was ich nicht verstand, warum man mich dort platzierte, wenn meine Anwesenheit so unglaublich wichtig sei. Egal. Da saßen wir. Getränke wurden serviert, ich drehte eine Runde nach der anderen am Buffet und schimpfte vor mich hin, warum ich eigentlich hier bin und mir nicht einen schönen Abend machen würde. Selbst Schatz gab mittlerweile zu, dass der Abend irgendwie nicht dem entsprach, was sie sich vorgestellt hatte.

Ich erinnere mich heute noch an eine sehr surreale Szene. Irgendwann am Abend sangen alle Gäste meinem Großvater ein Geburtstagsständchen. Und keine Ahnung, wer auf die Idee gekommen war, am Ende des Ständchen brachten alle Kinder und Enkelkinder dem Großvater eine Rose, machten einen Knicks und gratulierten noch einmal.

Nun ja, bis auf einer.

Meine Laune kippte, weil ich laut die Frage stellte, warum ich meine Zeit heute Abend hier verschwenden würde, anstatt einen schönen Abend auf der Couch vor dem Fernsehen zu verbringen. Ich sagte Schatz und meiner Mutter, dass ich am liebsten gehen würde, weil ich nicht wüsste, warum ich eigentlich hier sei. Schatz sagte nichts und meine Mutter redete auf mich ein, dass ich das doch nicht machen könnte. So etwas tut man doch nicht.

Kurz darauf, vielleicht ein paar Minuten später stand meine Großmutter an meinem Tisch. Sie erzählte etwas, an das ich mich nur noch sehr wage erinnern kann. Dann kam aber der entscheidende Satz, der das Fass zum Überlaufen brachte.

- „Und wenn Du dann in der großen Stadt im Süden bist, dann kommen wir Dich alle besuchen.“
In diesem Moment stand für einen Moment die Welt still. Ich konnte spüren, wie meine ganze Wut, die sich all die Jahre aufgestaut hatte, überkochte.

Ich schaute meine Großmutter an und dann platze es aus mir heraus.

- „Ich… ziehe… 700km… weit… weg… weil… ich… keinen… von… Euch… mehr… sehen… will… und … DUUUUU sagst mir, dass Du mich besuchen kommen willst????“

Die Augen meiner Großmutter wurden weit und die Unterhaltungen um uns herum verstummten.

- „WILLST.. DU… MICH… VERARSCHEN ???“, schrie ich.

Danach… peinlich und pikierte Stille.

Ich schaute zur Seite.

- „Schatz, zieh Deine Sache an. Wir gehen!“, sagte ich in einem Ton, dem man entnehmen konnte, dass die Ansage nicht mehr zu verhandeln war.

Ohne eine Sekunde zu zögern stand Schatz auf und zog ihre Jacke an. Ich legte meine über den Arm und ging auf meine Familie zu, die an den Tischen saß. Ich blieb vor jedem stehen, reichte die Hand, verabschiedete mich und wünsche einen guten weiteren Lebensweg. Als ich vor meinem Onkel stand, der mich vollkommen verdattert ansah, fragte er…

- „Aber… wir sehen uns doch noch einmal wieder, oder?“

- „Das“, sagte ich in einem sehr harschen Ton, „bezweifele ich.“

Ich nahm Schatz an die Hand, wir gingen an den Tischen entlang und ich konnte die Blicke meiner Familie in meinem Rücken spüren. Wir verließen, die Gaststätte, setzten uns in den Wagen und ich startete den Motor.

- „Nie wieder!“, sagte ich. „Nie wieder.“

2012 erreichte mich die Nachricht, dass meine Großmutter verstorben sei. Ich nahm es zur Kenntnis, zuckte mit den Schultern. Nach einer solchen langen Zeit, gab es keine Verbindung mehr. Ich habe sie tatsächlich nie wieder gesehen.

Kommentare:

  1. Hallo Herr MiM, das ist traurig. Irgendwo tief drin sind das auch ... nur Menschen. Ich gratuliere heute auch zum 85. Geburtstag damit ... mir es hinterher besser geht.Das Leben ist so ...gleich. Einen guten Rück- und Weitblick wünscht Ihnen Frau A.

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    1. Ja, vielleicht ist es traurig... ich weiß es nicht, ich sehe das heute sehr distanziert, Frau A.

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  2. Dramatik kommt immer gut. :)

    Nun, sie sind aufgestanden, haben sich eine eigene Meinung gebildet und sind daraufhin gegangen. Ich meine hiermit nicht nur vom Tisch dieser Geburtstagsveranstaltung - auch wenn sich das Bild ganz gut anbietet.
    Nur eben: Erst sehr spät.

    Der Bruch der hier, wenn auch auf mehrere Ereignisse verteilt, doch sehr plötzlich scheint, den hatte ich im vergleichbaren Alter (zu späterer Zeit :) ) schon lange hinter mir gelassen. Und ich würde vermuten das dies für viele Andere genauso gilt. Die selbstgerechte Zeit der Pubertät bietet hier zum Beispiel jede Menge Impulse. :)

    Die Frage drängt sich mir also auf wie es überhaupt zu dem erwachsenen Mann kommen konnte, dem sie sich dann so dramatisch entledigten. Was hat sie bis dahin so betäubt und eingelullt?

    Das es dann gleich so unterhaltsam knallen musste, naja. So ist das nunmal wenn man verpennt. Allemal besser einmal einen Schrecken zu provozieren, als ohne Ende im Schrecken zu leben. In Umständen in denen man durchaus, wie ihr Onkel es ihnen vorlebte, zum Alkoholiker werden könnte.

    Achja. Und ich finde sie sollten sich glücklich schätzen, dass damaliger ’Schatz’ scheinbar nicht zuviel Wert auf den Mann legte, der sie glaubten zu sein bevor diese Ereigniskette in Gang gesetzt wurde.

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    1. Ja, ich gebe Ihnen recht. Sehr spät.

      Was mich betäubt hat? Gute Frage? Ich sage es mal so, es gab eine Zeit in der ich nicht der war, der ich heute bin. Als dieses Ereignis statt fand, gab es ein Erlebnis bzw. ein Auslöser, der dafür sorgte, dass alles in Frage gestellt wurde. Vorher war ich ein ziemlich gutmütiger Mensch, Herr Nugger.

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  3. Kann der weiblichen Seite* dieser 'MiM-Kombo' bis jetzt keinerlei Fehler/Verschulden anrechnen. Im Gegenteil: Herr MiM hat(te) - mM - eeenormes Glueck mit DIEsem 'Schatz' liiert zu sein, denn huebsch scheint sie noch zusaetzlich zu sein. Dagegen anzubieten: meiiine wesentlich geringere 'Huebschheit' mit grossen erschrockenen Kulleraugen aber strohtrocken ihrem Mann bei einem 'aehnlichen Temperamentsausbruch' zu sagen "Liebling, Dein Temperament in Ehren, aber es ist in DIEsem Ausmass NUR im Bett toll!" Unnoetig zu erwaehnen, dass dann irgendwann spaeter das 'Imperium' (= 'Emperor' - des Herzens ;-) ) 'zurueck schlug' und denselben Satz auch schon mal gegen mich selbst verwendet hat ;-) = seither: 'Kulturgut' im Hause der G.'s !
    Verwandtschaft: Lehr- und Lernjahre Herr MiM um zum 'Pathologen' zu werden - sorry. Sie duerfen dies als Bloggerfreund gerne mir gelegentlich zurueck an den Kopf schmeissen - Gelegenheit sicher wieder gegeben ^^ ! Auch meine/unsere 'paar huntert Kilometer' schuetzten uns kaum vor Besuchen; die km-maessig Entferntesten am haeufigsten/begeistertsten ^^! Wenn ich mich hier in Australien so umhoere zu DIEsem Thema: man nehme am sichersten einen 'Tuempel' dazwischen ^^! Bzw. wenigstens ein paar Jahre 'Diplomatie-Lehrgang' in diesem Land, 'wie weiche ich der Verwandtschaft am besten/sichersten aus ohne staendig in Oberfettnaepfchens zu landen und mich selbst nicht zu 'verlieren' ?!'
    Sie befinden sich z. Zt. - so mein Verdacht - ohnehin im besten Lern-/Lehr-Land ;-) !

    LG, Gerlinde

    * auch wenn ich vielleicht ein paar Episoden weiter der Dame als einer der ersten Kommentareschreiber 'ins Gesicht springe' = think about it when it happens - ich hoere/lese!

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    1. Schatz, Frau Gerlinde, hat sich nie etwas zu schulden kommen lassen.

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    2. Hmmm, 'kopfkratz' ^^! Manno haette ich viiiele Fragen an Sie; leider heisst's da: Teppich hoch und drunter ^^!

      LG, Gerlinde

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