Dienstag, 29. Januar 2013

Der gescheiterte Held

Geschehen am Vorletzen Wochenende.

Ich halte den Wagen an und steige aus. Ich habe gerade die Grenze passiert. Ich bin in Sachsen Anhalt. An dieser Stelle verlief die deutsch-deutsche Grenze. Hier irgendwo im Nirgendwo ist er hingezogen. Das Wetter ist schlecht. Es ist kalt und hat am Vortag geschneit. Ich mache ein Bild, steige wieder in den Wagen und steuere den Ort an der hundert Meter weiter liegt.

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Dort wo der Haupteingang gewesen ist, hat jemand Holzplatten festgenagelt. Wo ist der Eingang? Nach zwei Minuten werde ich hinter dem Haus fündig. Die Tür öffnet sich. Er hat mich kommen sehen. Ich stehe noch auf dem Hof. Er kommt mir entgegen. Im Zwinger tobt ein Rudel Hunde.

Er hat meine Größe, die Haare stehen ungekämmt in alle Richtungen ab, als habe er die letzen drei Wochen auf dem Sofa gelegen. Er trägt eine Jeans und schmutziges weißes T-Shirt. Die Füße stecken in Badelatschen. Er ist nicht kräftig sondern dick, sieht aus als habe er eine Kegelkugel verschluckt. Das Wort Verwahrlosung macht sich in meinen Kopf breit.

- “Mensch… MiM, schön das Du da bist”, ruft er mir zu.

Wir begrüßen uns. Wir haben uns länger nicht gesehen. Ein paar Jahre müssen es wohl sein. Er führt mich ins Haus, das innen wie eine Baustelle aussieht. Ein einziges Drüber und Drunter. Es wirkt chaotisch als hätte jemand alles ohne System zusammen gestellt.

Ich nehme am Küchentisch platz. Ein alter massiver brauner Holztisch. Es sitzt sich gemütlich. Ich hatte mich auf einen Kaffee bei ihm eingeladen.

- “Dann kann ich ja die Pizza in den Ofen schieben”, sagt er und schiebt ein riesiges Blech in den Ofen. Unter dem Berg von Pizzakäse vermute ich schreckliche Dinge.

- “Pizza? Ich wollte doch nur einen Kaffee”, antworte ich.

- “Du hast gesagt, Du kommst gegen Mittag. Also gibt es auch etwas ordentliches zu essen”, sagt er bestimmt.

Ich lächele. Er hat sich Mühe gegeben. Ich weiß es zu schätzen. Es gibt eine Gyros-Pizza, wie sie nur ein Mann machen würde. Ich esse ein Stück und kann spüren, wie das Fett langsam die Adern verklebt. Lecker. Ich nehme ein Zweites.

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Wir haben zusammen studiert. Er war immer irgendwie etwas seltsam. Hatte eine Sicht auf die Welt, mit der selbst ich mich ab und an sehr schwer tat. Aber wir kamen gut zurecht und wir bildeten ein gutes Team. Ich konnte gut Formeln umstellen. Er unglaublich schnell in der Bedienung des Taschenrechners. Er wusste nicht wie man eine Frau klar machte, bewegte sich aber durch den steuerrechtlichen Paragraphen-Dschungel wie ein olympischer Einkunstläufer bei der Kür.

Im Gegensatz zu mir hat ihm das Leben wirklich übel mitgespielt. Es meinte es wirklich nicht gut mit ihm. Kurzzeitjobs, miese Firmen, eine berufliche Niederlage nach der anderen. Kein Glück bei Frauen. Irgendwann lernte er eine kennen, die er dann heiratete. Er ging arbeiten, sie blieb zu Hause. Während er arbeitete, bestellte sie in Katalogen, in Online-Shops und und und… irgendwann stand der Gerichtsvollzieher in der Tür. Die Ehe zerbrach und er blieb auf den Schulden sitzen, die seine Frau angehäuft hatte. Es sah nicht gut aus. Neben seinen Jobs, trug er Zeitungen aus, machte Kurierfahrten und was weiß ich nicht alles um sich über Wasser zu halten. Eine Karriere hat er nicht gemacht, aber dennoch habe ich einen unglaublichen Respekt und Achtung vor ihm. Er hat nie aufgegeben. Er hat immer weiter gemacht. Er hat sich durchgeschlagen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir sitzen 3 Stunden zusammen. Erzählen über dieses, jenes und anderes. Von den Anderen, von denen wir nie wieder etwas gehört haben. Die irgendwo in alle Winde zerstreut sind.

Irgendwann am späten Nachmittag verabschiede ich mich. Ich will weiter. Ich bin noch zum Essen verabredet.

Die Aussage gescheiterter Held ist nicht richtig. Genau genommen ist sie falsch. Absolut falsch. Er ist nicht gescheitert. Er ist gefallen weil er geschubst wurde. Er ist irgendwo an einer Stelle ausgestiegen. Hat sich von den Zwängen wie ihn andere wahrnehmen frei gemacht. Im Grunde genommen ist der das Beispiel für ein Steh-Auf-Männchen. Sein Name gehört hinter diesem Begriff im Lexikon.

Wir stehen auf den Hof. Ich schüttele ihm die Hand.

- “Mach´s gut. Bis zum nächsten Mal”, sage ich.

- “Du auch.”

Beim Gehen drehe ich mich noch einmal um.

- “Weißt Du wofür ich Dich immer bewundert habe?” Ich schaue ihn an. Sein Gesicht verzieht sich nicht. Keinerlei Neugier. “Du hast nie aufgegeben. Du hast immer weiter gemacht. Das bewundere ich an.”

- “Weißt Du MiM, ein paar Male war ich kurz davor aufzugeben. Und ich sage es Dir ehrlich…”, er schaut mir ins Gesicht und holt etwas Luft, “… man hat mir geholfen. Ohne Hilfe hätte ich es nicht geschafft.”

Ich nicke. Winke noch einmal zum Abschied und werfe einen letzten Blick auf das Haus. Dann setze ich mich in den Wagen, tippe eine Andresse in das Navi und fahre los.

Kommentare:

  1. Ich war live dabei. So hat es sich jedenfalls für mich gerade gelesen. Sehr bildhaft und fabelhaft geschrieben. :)

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  2. gut geschrieben, hin, oder her.

    mich hat die geschichte berührt, so ist es, das wahre leben! und das zeigt wieder, dass sie, herr mim, ein herz haben und kein arsch sind. so. ;)

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    1. "ein herz haben und kein arsch sind"... tun Sie mir einen Gefallen und sagen Sie das nicht so laut. Das ist schlecht für das Image. Danke.

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  3. Für die einen ein abgefuckter Kerl im abgewetzten Shirt und Badelatschen ...

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Zu erkennen das man Hilfe braucht und sie auch anzunehmen, dass ist nicht einfach, dazu gehört Mut. Und Ehrlichkeit, vor allem sich selbst gegenüber!

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    1. Ja, gerade der Punkt mit dem Hilfe annehmen ist oftmals wahrlich ein Knackpunkt.

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  6. Sehr schön,... eine Geschichte mitten aus dem Leben! Und bewundernswert, ich meine wieviele Menschen gibt es, denen ähnliches widerfahren ist und immer noch am Boden liegen und laut jammern?! Es zeigt mir einmal mehr, dass man vieles erreichen kann, wenn man das Schicksal akzeptiert, Hilfe annimmt, Chancen packt und nicht aufgibt. Man muss es 'nur' wollen.

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    1. Herr MIH, dieser Kerl hat nie gejammert. Wirklich bewundernswert. Er hat immer die Zähne zusammengebissen. Unglaublich was er geleistet hat.

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  7. Kennen wir nicht alle so Menschen? Auf den ersten Blick denkt man, was ein verwahrloster Penner. Wir kennen aber nie die Geschichte dahinter. Warum ist jemand so? Es ist aber auch nicht wichtig. Dieser Jemand ist ein Mensch und dass ist das was zählt. Jeder Mensch ist wichtig, vom Multimillionär bis zur Putzfrau, diese Menschen machen die Welt erst interessant.
    Möge die Welt Ihrem Freund das Schlechte, das ihm widerfahren ist, wieder ausgleichen.

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    1. Ist mir egal, wenn mich das zu nem schlechten Menschen macht, aber wenn's nach mir geht, ich könnte auf so manche Menschen getrost verzichten. Und ich red nich von Leuten, die ein bisschen nerven. Aber, ob berechtigt oder nicht, es ist und bleibt ein müßiger Gedanke. Man kann sich nun mal nicht die Welt schaffen, wie man will*, nur seine persönliche Welt nach eigenen Belieben gestalten.

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    2. Herr Rampensen, ich gebe Ihnen recht. Diese Menschen machen das Leben interessant und man kann sich glücklich schätzen, wenn man solche Menschen zu seinem Umfeld zählen darf. Von denen kann man eine Menge lernen.

      Und ja, man kann sich nur seine persönliche Welt schaffen. Da haben Sie recht.

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  8. Ehrlich geschrieben....ein bisschen steh ich ja auf sie Herr Mim ;)

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    1. Sagen Sie nicht so etwas. Männer können damit doch nicht umgehen.

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  9. Danke für die 'etwas andere Geschichte' im Herr- MiM- Blog. Hut ab vor Ihrem Freund... Ich weiß- Sie bezeichnen nicht viele Menschen so, aber über einen Bekannten würden Sie uns nicht in dieser Art erzählen.... Schlafen Sie gut, werter Herr MiM!

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    1. Sie haben mich ertappt, meine Liebe. Sie haben ich ertappt ;-)

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  10. Ist echt shit, wie man sich gegenseitig das Leben zerstören kann - wie da ihrem Freund geschehen.
    Warum nur?
    Ich meine, ähnliches gibt's auch auf der anderen Gender-Seite; häufig auch 'Baby-Falle' genannt.
    Ob wir in weiteren 200 Jahren als Menschen endlich besser sein werden?

    Mynona

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    1. Die Frage nach einem Warum halte ich immer für überflüssig. Darüber kann man ganze psychologische Abhandlungen schreiben, die am Ergebnis letztlich nichts ändern.

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  11. Eine wahre Geschichte, die das Leben schrieb. Schicksalsmelodie.

    LG T.

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  12. Herzzerreisende Geschichte, gut erzählt, mein Kompliment!

    Eine Frage bleibt bei mir trotzdem hängen: Muss man Karriere machen, damit Sie jemanden achten und respektieren?

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    1. @ Schoggistaengel
      ... genügen auch andere Bewunderer ;-)

      Mynona

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    2. Nein, ich darf Ihnen versichern, dass mein Respekt und meine Achtung vollkommen unabhängig von Geschlecht, Alter, Einkommen, Macht oder Vermögen sind.

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  13. Kann es sein, Herr MiM, kann es sein, dass Sie schon einmal über ihn - in einem anderen Blog - berichtet haben?

    Ich nehme mal an, Sie haben ihm nicht geholfen, da er Sie nicht angesprochen hat? Haben Sie vorher gewußt, wie es ihm geht - und hätten Sie ihm geholfen, auch wenn er Sie nicht angesprochen hätte? Und was empfinden Sie für sich persönlich im Vergleich zu ihm? "Glück gehabt!" oder eher "Wie gut, dass ich das besser konnte!"?

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    1. Ja, das kann sein. Aber ehrlich, wenn...dann erinnere ich mich nicht mehr daran.

      Er hat mich nie um Hilfe gebeten. Ich habe ihm auch nicht geholfen. Zum einen hat er nicht nach meiner Hilfe gefragt und zum Anderen... habe ich keine Möglichkeit gesehen, an einer relevanten Stelle eingreifen zu können. Ich war nur da. Ob das genug, zu wenig oder genau richtig war, kann ich nicht sagen.

      Die Frage, was ich für mich empfinde, wenn ich einen Vergleich ziehe, kann ich Ihnen ebenfalls nicht beantworten.

      Ersten glaube ich nicht an etwas wie Glück. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, die Sie mittels Entscheidungen beeinflussen können oder im Falle von Krankheiten halt nicht.

      Ich vergleiche mich nicht mit Anderen, da es mich nicht weiter bringt. Wenn ich mein Ego aufpolieren müsste, in dem ich mit Menschen vergleiche, denen es schlechter geht als mir, wäre es ein Selbstbetrug sonder gleichen.

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  14. Wenn man gefallen ist, kann man entweder selbst aufstehen, nach einer gereichten Hand greifen oder liegen bleiben. Ob man es mit eigener Kraft oder mit Hilfe wieder schafft ist nebensächlich. Hauptsache man steht wieder auf.
    Sie sehen Ihn als einen Freund. Wer mal da unten war oder auch ist, hat nur noch sehr wenige davon. Die wenigsten definieren Freundschaft unabhängig der gängigen Konventionen.

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    1. Da haben Sie recht... das Aufstehen, das ist das Wichtigste. Und dafür ist er ein Beispiel.

      Wissen Sie, Freundschaft ist für mich das kostbarste Gut, welches man vergeben und bekommen kann.

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